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„Ich bin in Peccia, im Val Lavizzara.“
„Können wir uns heute Abend in Ascona treffen?“
„Nein, ich werde hier irgendwo übernachten, da ich mir morgen Fusio ansehen möchte.“
„Wissen Sie schon wo?“
„Nein.“
„Hologo, ich muss sie unbedingt sprechen. Rufen Sie mich an, wenn sie ein Albergo, also ein kleines Hotel gefunden haben. Ich könnte Sie morgen dort treffen, da ich zwei Tage Urlaub habe. Außerdem fährt meine Freundin zur Fortbildung nach Zürich, so daß keinerlei Präsenz von meiner Seite erforderlich ist.“
Trotz dieses ironischen Untertons, war die Dringlichkeit nicht zu überhören.
„Gut, ich melde mich sofort bei Ihnen, wenn wir ein Hotel gefunden haben.“
„Wir?“
„Ja, das erkläre ich Ihnen später. Und Lätti, zu niemandem ein Wort, die Sache ist zu ernst.“
„Natürlich, ich warte auf Ihren Anruf.“
Hologo sah zu Gilda hin, die ihn ängstlich musterte.
„Das war Lätti, ein Polizist aus Ascona. Er hat den Brandunfall des Professors mit untersucht. Er will mit mir reden. Anscheinend hat er etwas Wichtiges herausgefunden. Suchen wir ein kleines Hotel, aber nicht hier in Peccia. Oder haben Sie es sich anders überlegt?“
„Nein. In Bignasco kenne ich das Albergo Posta, ein kleines aber sauberes Hotel. Es sind nur einige Kilometer, die wir zurückfahren müssen.“
Mit einem entschlossenen Ruck wandte sich Gilda Hologo zu. „Ich gehe mit Ihnen morgen nach Fusio. Ich will meinen Vater finden, und ich will wissen, was hier vorgeht. Sie sagen, es sei gefährlich. Das ist schon möglich. Aber dann ist es auch in Locarno für mich gefährlich, da ich jetzt auch irgendwie damit zu tun habe. Denken Sie an die Osteria.“ Mühsam versuchte sie ein Lächeln. „Wahrscheinlich bin ich am Sichersten, wenn ich bei Ihnen bleibe.“
Hologo überlegte kurz. „Vielleicht haben Sie Recht, fahren wir nach Bignasco.“
In der Altstadt von Ascona wartete wieder der Mann in seiner Wohnung. Er erstarrte, als er den schrillen Ton des Telefons hörte. Mit feuchten Händen nahm er den Hörer ab.
„Hallo.“
„Wo ist dieser Hologo?“
Die Worte wurden so explosiv herausgestoßen, daß dem Mann am ganzen Körper der Schweiß ausbrach.
„Er hat ein Auto gemietet und wollte sich die umliegenden Gegenden ansehen. Wo er sich im Augenblick aufhält, weiß ich nicht genau.“
„Sie wissen es nicht genau!“ Höhnisch und äußerst aggressiv wurden die Worte heraus- gestoßen. „In der Osteria Medici in Peccia hat sich heute etwas ereignet, das wir uns nicht erklären können. Einige von uns sind getötet worden. Finden Sie heraus, wohin dieser Hologo gefahren ist, und ob er in irgendeiner Weise beteiligt war. Und, denken Sie an Ihre Tochter. Ich will auf meine Fragen in Zukunft präzise Antworten. Haben Sie mich verstanden?“
„Selbstverständlich, ich werde in dieser Angelegenheit recherchieren und es Sie wissen lassen. Für morgen ist alles organisiert, wir sehen uns dann bei Ihnen.“
Ein kalter Schauer ließ den Mann erzittern, als er den Hörer auflegte.
„Hier, sehen Sie, da ist das Albergo Posta. Halten Sie am besten am Ristorante, da an der Theke des Lokals der ganze Hotelbetrieb abgewickelt wird. Eine eigene Rezeption haben die nicht.“
Hologo parkte den Pajero neben der Eingangstür. Während sie ausstiegen, prägte sich Hologo mit einem kurzen Blick die örtlichen Begebenheiten ein.
„In der Querstraße da hinten ist ein magazzino, ein kleiner Laden. Ich werde uns zwei Zahnbürsten, Zahnpasta und Seife kaufen. In der Zwischenzeit könnten Sie ja nach zwei freien Zimmern fragen.“
„In Ordnung. Ach, können Sie mir noch einen Einmalrasierer mitbringen?“
„Ich werde einen mitbringen, es ist nur,“ Gilda begann leicht zu erröten.
Hologo gab ihr fünfzig Franken. „ Kaufen Sie was notwendig ist. Wir treffen uns in dem Ristorante.“
Während Gilda sich entfernte, nahm Hologo sein röhrenartiges Gepäckstück aus dem Wagen und ging hinein. Nachdem er zwei Zimmer mit Blick auf die Straße gebucht hatte, setzte er sich an einen Wandtisch. Von hier aus konnte er den noch leeren Raum, die Eingangstür und den hinteren Aufgang zu den einzelnen Zimmern überblicken.
„Signore, hier sind die Schlüssel. Wollen Sie etwas bestellen?“
„Noch nicht, ich warte noch auf meine Begleiterin.“
Die alte Signora musterte misstrauisch das Gepäckstück und schlurfte dann zur Theke zurück.
Hologo nahm das Mobiltelefon aus der Tasche und rief Lätti an.
„Wir sind in Bignasco im Albergo Posta. Es ist der nächste Ort nach Cevio.“
„Ich werde morgen so gegen zehn da sein. Glauben Sie mir, es ist sehr wichtig, daß wir miteinander reden, bevor Sie Weiteres unternehmen.“
„Übrigens Lätti, bringen Sie ihre Dienstwaffe mit.“
Hologo hörte, wie Lätti scharf durch die Nase einatmete.
„Ist das unbedingt notwendig.“
„Ja, Sie werden sie brauchen.“
Verunsichert durch diese lakonische Antwort, beendete Lätti das Gespräch.
Mit schwungvollen Schritten betrat Gilda das Ristorante. Sie hielt eine Plastiktüte in der Hand, die sie zufrieden hin und her schwenkte. Lächelnd ging sie auf Hologo zu und setzte sich zu ihm.
„Ich habe alles bekommen.“
Als ob sie Geschenke verteilen wollte, begann sie, freudig erregt, die Tüte auszupacken. Ihre Angst und ihre depressive Stimmung waren anscheinend vollkommen verflogen.
Was hatte diesen Stimmungswandel ausgelöst? Der Einkauf, oder besaß sie die Fähigkeit, die letzten Erlebnisse zu verdrängen und sich auf das Notwendige zu konzentrieren Hologo war sich nicht ganz sicher. Doch sie studierte ein naturwissenschaftliches Fach, welches ein rationales, sachliches Denken erfordert. Und das hatte sie schon mehrmals bewiesen.
„Bestellen Sie uns etwas zu essen! Ich nehme dasselbe wie Sie. In der Zwischenzeit fahre ich den Wagen hinter das Hotel.“
„Glauben Sie, daß der Pajero vor der Osteria in Peccia bemerkt wurde?“
„Möglich. Es ist auf jeden Fall besser, wenn er von der Straße aus nicht gesehen werden kann.“
Während Hologo das Ristorante verließ, schaute sich Gilda die Speisekarte an.
Ohne lang andauernde Dämmerung ging der Tag in die Nacht über. Die Sonne verschwand innerhalb kürzester Zeit hinter dem hohen Felsmassiv. Die alte Signora schaltete die Beleuchtung des Lokals ein. Dann ging sie von Tisch zu Tisch und zündete die Kerzen in den kleinen Lämpchen an, die darauf standen. Durch die Fenster konnte Gilda den matten Strahl der Laternen sehen, die die Straßen und die Häuser in ein gespenstisches Licht tauchten. Sie war verblüfft darüber, wie sich diese malerische Gegend verändert hatte. Jäh wurde sie aus ihren Gedanken gerissen.
„Träumen Sie?“ Hologo war wieder zurück und setzte sich.
Gilda strich sich mit der Hand durch die Haare und rückte den Stuhl näher an den Tisch.
„Es ist schon merkwürdig. Hier hat man durch die warme, angenehme Atmosphäre ein Gefühl der Geborgenheit, während draußen sich eine kalte Düsterheit verbreitet, die nur an Angst und Gefahr erinnert.“ Mit aufgerissenen Augen schaute sie Hologo an. „Wärme und Kälte, gut und böse, Schutz und Gefahr, Leben und Tod, alle diese Gegensätze habe ich intensiv erlebt, seit ich mit Ihnen unterwegs bin. Was meinen Sie? Gibt es noch etwas, das ich nicht erwähnt habe?“
Sie analysierte die Vorfälle mit einem derart unschuldigen Ausdruck im Gesicht, daß Hologo anfing zu lächeln. Gilda war so überrascht, daß sie gar nicht bemerkte, wie die alte Signora an den Tisch kam und nach der Bestellung fragte.
Hologo klopfte leicht auf den Tisch und schob die Speisekarte zu Gilda hin.
„Suchen Sie für uns etwas aus.“
Gilda blätterte nur kurz in der Karte. „Wir nehmen Costine mit Polenta, einen Salat, dazu Mineralwasser und eine Flasche Merlot.“
„Si signorina.“ Die alte Signora blickte beide nachdenklich an und entfernte sich.
„Costine ist eine Tessiner Spezialität, es sind gegrillte Schweinskoteletts. Auch der Wein wird hier angebaut. Kann ich Sie etwas fragen? Woher stammt eigentlich Ihr Vorname Horatio, ich habe ihn bei einem Ihrer Anrufe gehört?“
„Es gab ein altes römisches Geschlecht der Horatier. Viele Kämpfer und Krieger gingen daraus hervor. Die Geschichte meiner Familie lässt sich bis zu diesem Geschlecht zurückverfolgen. Und so entwickelte sich die Tradition, daß derjenige, der als Krieger auserwählt wurde, den Namen Horatio trug.“
„Sie sind demnach so eine Art Samurai, der das Böse bekämpft. Das klingt wahnsinnig romantisch. Doch ich habe heute die Realität gesehen, und das war überhaupt nicht romantisch.“ Resignierend lehnte sich Gilda im Stuhl zurück.
Nach und nach kamen die ersten Gäste. Die meisten davon setzten sich an den Stammtisch neben der Theke. Andere suchten einen Platz, um ihren Rucksack abzustellen. Es war die typische Mischung aus Touristen und Einheimischen, die an jedem Ausflugsort zu finden war.
Die Signora brachte nun die Getränke. Hologo überlegte, ob Bignasco auch schon überwacht wurde.
„Signora, es soll in Fusio ein Sanatorium geben. Wissen Sie, welche Krankheiten dort besonders behandelt werden?“
„Nein. Wir vom Ort wissen gar nichts darüber, außer daß der Leiter ein Dr. Kurow ist. Anscheinend hat er genug Patienten, denn es kommen viele Krankenwagen und Privatautos hier vorbei, meistens kurz vor Vollmond. Das ist schon eigenartig, vielleicht hängt das mit der Behandlung zusammen.“ Sie schlug sich leicht mit der Hand an die Stirn. „Natürlich, morgen ist ja wieder Vollmond. Da werden wieder einige Wagen mit den zugehängten Fenstern nach Fusio fahren.“