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Hologo riss die Tür auf und stürmte in den sonst leeren Gastraum. Der junge Mann war aufgesprungen und griff zu dem Mobiltelefon, das auf dem Tisch lag. Bevor er eine Nummer wählen konnte, schlug Hologo ihm das Telefon aus der Hand. Hasserfüllt und mit glitzernden Augen stierte er Hologo an. Plötzlich begann er höhnisch zu lachen. Instinktiv sprang Hologo zur Seite und drehte sich blitzartig um. Er sah den aufgerissenen Kiefer mit den nadelspitzen Zähnen der Ratte, die im Sprung an ihm vorbei flog. Der junge Mann stieß einen gellenden Schrei aus. Dann war nur noch ein gurgelndes Stöhnen zu hören. Die Ratte hatte sich in seinem Hals festgebissen und dabei die Kehle durchgetrennt. Wie eine Fontäne spritzte das Blut hervor. Mit einem ungläubigen Ausdruck in den Augen sank er langsam auf den Steinboden. Hologo nahm dies nur aus den Augenwinkeln war. Er konzentrierte sich voll auf den anderen Mann mit der Umhängetasche, der durch die Hintertür hereinstürzte. Dessen fahles Gesicht verzerrte sich zu einer hässlichen Fratze, als er den jungen Mann in der Blutlache liegen sah. Zischend öffnete er seine Tasche. Eine noch größere Ratte sprang heraus und plumpste kreischend auf den Boden. Die Bewegungen waren kaum zu erkennen, als Hologo sein größeres Messer sowie ein Wurfmesser gezogen hatte. Er schnellte nach vorne und schlug ihr mit einem Hieb den Kopf ab. Ansatzlos wirbelte er herum und warf das Wurfmesser. Die zweite Ratte, deren Fell durch das Blut rötlich gefärbt war, wurde nach hinten geschleudert. Das Messer durchbohrte den Körper und blieb mit ihm in der Wand stecken. Sie hing genau über dem Kopf des jungen Mannes und zuckte im Todeskampf. Wieder drehte sich Hologo abrupt um und sprang auf den anderen Mann zu. Er versetzte ihm mit der freien, flachen Hand einen Stoß. Wie vom Blitz getroffen, fiel er in sich zusammen und lag auf dem Boden. Hologo verharrte noch voller Spannung in Kampfstellung, doch es war keine Bedrohung oder Gefahr mehr zu spüren.
„Oh, mein Gott!“
Gilda stand in der Eingangstür und hielt die Hände vor ihr entsetztes Gesicht. Sie zitterte am ganzen Körper.
Schnell verstaute Hologo sein größeres Messer in der innen anliegenden Scheide und ging auf sie zu. Bevor sie den Raum betreten konnte, drängte er sie hinaus auf die Straße.
„Warum sind Sie nicht im Wagen geblieben?“ Verärgert nahm er sie an der Hand und brachte sie zum Pajero zurück.
„Ich habe einen furchtbaren Schrei gehört. Und da das Taxi hier steht, ich weiß auch nicht,“ Gilda gestikulierte panisch mit den Händen.
„Ruhig, ganz ruhig. Sie bleiben diesmal im Wagen, egal was passiert. Ich möchte mich noch kurz in der Osteria umsehen. Haben Sie verstanden?“
Als Gilda diesen sachlichen, emotionslosen Befehlston hörte, fing sie an zu schluchzen.
„Ja, ich verspreche es. Es ist gleich wieder vorbei. Entschuldigung, ich erlebe so etwas nicht jeden Tag, eigentlich überhaupt nicht.“ Ihre Stimme hatte nun einen trotzigen Klang angenommen.
„Ich weiß.“ Hologo nahm Gilda in den Arm und drückte sie leicht an sich, um sie zu beruhigen. „ Steigen Sie in den Wagen und warten Sie auf mich. Es dauert nicht lange.“
Wie ein Tourist, der nach dem richtigen Weg suchte, schlenderte er zu dem Hinweisschild nach Fusio. Es war an einer kleinen Mauer vor der Osteria angebracht. Er blieb dort stehen, beobachtete die Straße und die anliegenden Häuser. Niemand war zu sehen. Alles wirkte wie ausgestorben. Anscheinend war der Schrei nicht gehört worden, oder es gab keine Einwohner mehr.
Wer nach Fusio wollte, musste hier an der Osteria vorbei. Es gab keinen anderen Weg. Die Männer waren nicht zufällig hier. Sie kontrollierten die Straße, davon war er überzeugt. Hatte er sie ausschalten können, ehe sie irgendeine Meldung absetzen konnten? Oder war noch jemand im Haus, den er nicht bemerkt hatte? Er ließ nochmals die Blicke über die einzelnen Fenster schweifen, aber nichts rührte sich. Wo war eigentlich der Betreiber oder sonstiges Personal? Die ganze Szenerie machte auf ihn einen unwirklichen Eindruck. Auch der Name der Osteria, ’Medici’, den er an der seitlichen Hausmauer lesen konnte, war stark verblasst und ergänzte äußerlich das leblose Umfeld.
Da ihm nichts weiter auffiel, ging er zur Osteria und betrat wieder den Gastraum. Die Leichen lagen alle noch an derselben Stelle. Er zog sein Wurfmesser aus der Wand und streifte die tote Ratte ab. Nachdem er das Messer an der Jacke des jungen Mannes gereinigt hatte, steckte er es in den Gürtel zurück. Vorsichtig öffnete er die Hintertür. Ein Geruch von Verwesung kam ihm entgegen. Hinten an der Treppe, die nach oben führte, lag eine tote, verstümmelte Frau. Sie war nur noch an ihren langen grauen Haaren zu erkennen. Fleischfetzen hingen aus ihrem Körper, die Augen waren herausgerissen, und überall standen abgenagten Knochen heraus.
Der Gestank war so penetrant, dass er sich beeilte in die obere Etage zu kommen. Auf dem Gang dort bot sich ihm das gleiche Bild. Die Leiche war genauso zugerichtet, nur dass es eine männliche war. Schnell durchsuchte er die angrenzenden Zimmer, ohne irgendwelche Hinweise zu dem Massaker zu finden. Dann rannte er die Treppe hinunter und verließ die Osteria.
Was hatte Hagen über die Wanderratten erzählt? Sie sind ausgesprochen gefräßig, gierig und fressen totes und lebendiges Fleisch. Hologo spürte plötzlich einen kalten Zorn in sich aufsteigen, denn diese Art der Wunden waren auch an der Katze auf dem Monte Verita zu sehen. Außerdem wurde offensichtlich auch das Mädchen hier aus Péccia auf diese Weise getötet.
Gilda saß wie unter Schock auf dem Beifahrersitz, als Hologo einstieg.
„Ich werde Sie nach Locarno zurückbringen.“
„Nein!“ Es war nur ein Flüstern. Dann richtete sie sich auf. „Ich habe heute etwas Schreckliches gesehen, und ich glaube, dass mein Vater in eine furchtbare Sache geraten ist. Vermutlich hat es mit Ihnen zu tun, deshalb bleibe ich bei Ihnen, bis ich ihn gefunden habe. Sie wollten nach Fusio, also fahren wir dahin.“
„Es wird gefährlich werden.“
„Kann sein, aber was ich heute von Ihnen gesehen habe,“ Gilda versuchte die Tränen zurückzuhalten,“ es wird für andere noch gefährlicherer sein.“
„Sie wissen nicht, auf was Sie sich da einlassen. Das, was Sie gesehen hatten, ist erst der Anfang. Ich kann auf Sie nicht aufpassen. Hören Sie, hier entwickelt sich etwas Unglaubliches und Unheimliches, eine neue Dimension der Bedrohung, die rational nicht nachvollziehbar ist. Ich versuche diese Entwicklung aufzuhalten und die Verantwortlichen zu eliminieren.“
„Eliminieren, Sie meinen zu töten. Gibt es nicht einen anderen Weg? Wenn ein Verbrechen passiert, ist die Polizei dafür zuständig. Andere unerklärliche Ereignisse werden von den Wissenschaftlern der entsprechenden Fachbereiche untersucht. Selbst für die parapsychologischen Phänomene gibt es in Deutschland ein Institut. Ich glaube, es ist in Freiburg. Sie sind nicht von der Polizei, und Sie sind auch kein Wissenschaftler. Wollen Sie wissen, was mein Vater über Sie gesagt hat? Wenn von den Ratten irgendeine Gefahr ausgehen sollte, ist Hologo derjenige, der sie bekämpfen kann. Er ist ein Krieger.“ Die Tränen schossen Gilda nun aus den Augen. Es war wie eine Befreiung. Die angestaute Spannung begann sich zu lösen. „ Sind sie ein Krieger, Herr Hologo? Und, geht hier etwas Irrationales mit den Ratten vor, das ich selbst als Biologiestudentin nicht begreife?“ Ihre Stimme wurde wieder deutlicher und entschlossener. Sie holte ein zerknittertes Taschentuch aus der rechten Hosentasche und trocknete sich die nassen Wangen.
Hologo versuchte einzuschätzen, in wieweit er ihr vertrauen konnte. Er erinnerte sich an die Worte seines Meisters. Du darfst nur jemanden Vertrauen schenken, der die vielen, verschiedenen Wahrheiten der Realität nicht leugnet. So kann er selbst erkennen, welche für ihn wichtig ist. Mit diesem Bewusstsein wird er mit seinen Möglichkeiten das Richtige tun.
Gilda hatte gesehen, was in der Osteria passiert war. Sie ahnte, daß sich hier etwas abspielte, das rational nicht einfach zu erklären war, und sie war bereit, andere Wahrheiten zu akzeptieren, auch wenn diese für sie, als angehende Biologin, schwer zu begreifen waren. Hologo beschloss, sie in das Wesentliche einzuweihen.
„In Freiburg gibt es einen Kreis von Wissenschaftlern aus diversen Fachgebieten, die Phänomene aller Art untersuchen. Wenn sie zu dem Ergebnis kommen, daß daraus größte Gefahren für Menschen, Umwelt usw. entstehen, werde ich gerufen. Professor Ludowski, der anscheinend über die Arbeit des Kreises informiert war, wollte etwas äußerst Wichtiges mitteilen. So wurde ich nach Ascona geschickt. Der Professor war aber leider schon tot. Es sah nach einem Unfall aus.“
Gilda hatte die Augen zusammengekniffen. „ Sie sind geblieben, weil Sie nicht an einen Unfall geglaubt haben, und unglücklicherweise hat mein Vater Sie gefahren. So war er automatisch in die Geschichte involviert. Und deshalb sind wir hier und ich weiß immer noch nicht, was eigentlich vorgeht. Wenn ich nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, was sich in der Osteria abgespielt hat, und wie Sie, also… „ sie schüttelte sich wieder und lehnte sich in den Sitz zurück.
„Nun, ich bin in verschiedenen Kampftechniken ausgebildet und trainiert schnell zu reagieren. Auch kann ich nur über das Ausmaß der Gefahr spekulieren. Ich versuche die einzelnen Ereignisse zu analysieren, und es sind enge Verbindungen zu erkennen.“
Diese völlig emotionslose Erklärung ließ Gilda nochmals erschaudern.
Hologo holte sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte die Nummer von Lätti.
„Hologo, Sie wollten mich sprechen?“
„Hören Sie, ich muss Sie unbedingt sehen. Ich bin auf etwas sehr Interessantes gestoßen. Wo sind Sie?“