Rattenblut - Folge 5
Sonntag Januar 07th 2007, 01:03
Abgelegt unter: Fantasy-Romane

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Wütend trat Paolo mit dem rechten Fuß nach ihnen. Sofort richteten sich die Ratten auf und zischten. Hologo wusste, was dies bedeutete. Bevor sie angreifen konnten, hatte er sein Messer gezogen und schlitzte beiden mit mächtigen, von oben geführten Stichen, die Körper auf. Das herausschießende Blut breitete sich schnell aus, während einzelne Füße noch leicht zuckten.

Angeekelt stierte Paolo auf die Kadaver. Er war kurz davor sich zu übergeben.

„Los, steigen Sie ein! Bringen Sie mich jetzt nach Locarno zum Bahnhof.“

Hologo hatte es nun eilig. Sicher war alles durch andere Ratten beobachtet worden.

Kreidebleich startete Paolo den Motor. Immer wieder sah er in den Rückspiegel und bewegte sich unruhig auf dem Fahrersitz hin und her.

„Also, das ging so schnell. Ich habe nur in der Luft etwas blitzen sehen, und dann lagen die Ratten tot am Boden. Und Ihr Gesichtsausdruck, ich möchte Sie nicht zum Gegner haben. Ich weiß gar nicht, vor wem ich mehr Angst hatte!“ Paolo konnte sich kaum beruhigen.

Hologo war sich klar darüber, daß er aus der aufgezwungenen Defensive heraus musste. Bisher reagierte er nur. Er musste die Initiative ergreifen. Dazu war die eigene Mobilität absolut notwendig. Nur so konnte er dem Gegner, wer immer es war, seine Handlungen aufzwingen.

„Gibt es in Locarno eine Autovermietung?“

„Ja, natürlich, gleich in der Nähe des Bahnhofes. Sind Sie mit mir nicht zufrieden?“

„Doch, aber ich brauche mehr Beweglichkeit. Trotz Mietauto werde ich Sie manchmal benötigen, verstehen Sie! Übrigens, Sie kennen doch die meisten Taxifahrer am Bahnhof. Ist da einer mit einer sehr blassen Gesichtsfarbe dabei?“

„Oh ja, das ist Carlo. Vor einigen Wochen sah er noch richtig gut aus, aber jetzt scheint er krank zu sein. Wieso fragen Sie?“

„Nur so.“

Hologo sah an dem misstrauischen Blick, daß Paolo dies nicht glaubte.

Der Parkplatz am Bahnhof war überfüllt. Überall standen Taxen und hatten die Kofferräume geöffnet. Die Fahrer lehnten an ihren Wagen und warteten auf die ankommenden Zugreisenden. Paolo hielt gegenüber dem Haupteingang an und ließ Hologo aussteigen.

„Ich warte hier in der zweiten Reihe. Sie sehen ja selbst, was hier los ist. Heute ist der Hauptankunftstag, da man beim Umsteigen in Bellinzona nach Locarno keine Wartezeiten hat.“

Hologo beeilte sich durch das Gedränge der Menschen zu kommen, die aus dem Bahnhof strömten. Es dauerte nicht lange, bis er wieder zurückkam. Paolo versuchte gerade den anstürmenden Leuten mit wilden Gesten zu erklären, daß sein Taxi besetzt sei. Auch der Kampf um die anderen Taxen war voll im Gange. Amüsiert beobachtete Hologo die Szenerie.

„Gott sei Dank, daß Sie da sind. Es wird mit den Touristen immer schlimmer!“ Theatralisch streckte Paolo die Hände nach oben.

„Das passte wohl in kein Schließfach?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er die längliche Hartschalenröhre mit einem Haltegriff, die Hologo in der Hand hielt.

„Ich hatte sie in der Gepäckaufbewahrung deponiert. Sie wird mit ungefähr 1.5 Metern zu lang für den Kofferraum sein. Wir müssen sie im Wagen transportieren.“

„Das ist aber ein komischer Koffer!“ Paolo konnte seine Neugierde kaum verbergen.

„Ist eigentlich Carlo auch da?“ Hologo ließ seinen Blick über den Platz schweifen, der sich langsam leerte.

„Moment, dahinten steht er. Der nimmt ja überhaupt keine Fahrgäste auf.“ Sichtlich überrascht öffnete Paolo die Beifahrertür, um die Röhre im Wagen zu verstauen.

„Fahren Sie an dem Taxi von Carlo vorbei, bevor Sie mich zu einer Autovermietung bringen.“

„Stimmt da was nicht?“

„Ich will ihn mir nur ansehen.“

Paolo startete das Taxi. Als sie an dem stehenden Wagen vorbeifuhren, konnte Hologo das fahle Gesicht sehen. Die stechenden Augen blickten ihn verächtlich an.

Carlo gehört also dazu. Sein Verdacht hatte sich bestätigt. Und Carlo wusste über ihn Bescheid. Er war derjenige, der den Bahnhof überwachte. Wenn diese Vermutung richtig wäre, würde das bedeuten, daß Ratten und einige Menschen zusammenarbeiten. Eine ungeheuerliche Vorstellung, die rational nicht zu erklären war.

„Ich glaube, hier werden Sie das richtige Auto finden.“ Paolo hielt an. „Die führen vor allem Geländewagen, so etwas brauchen Sie hier.“

„Danke. Ich werde Sie anrufen, denken Sie daran. Und,“ Hologo sah Paolo nachdrücklich an, „werden Sie gegenüber Carlo nicht zu neugierig.“

„Herr Hologo, kann ich das mit den Ratten meiner Tochter Gilda erzählen? Sie studiert Biologie in Zürich und ist gerade zu Besuch, da sie eine Woche frei hat. Vielleicht interessiert sie sich dafür. Außerdem kennt sie sich hier in der Gegend sehr gut aus. Wenn Sie einen Fremdenführer brauchen, rufen Sie mich an. Ich weiß, wie neugierig sie ist.“

„Gut Paolo, aber denken Sie daran was ich ihnen gesagt habe.“

Zitternd wählte in der Altstadt von Ascona wieder derselbe Mann eine Telefonnummer.

„Was haben Sie über den Mann erfahren.“ Der Ton klang noch härter, als am vorangegangenen Tag.

„Eigentlich nicht viel. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Die Adresse in Deutschland stimmt. Er ist als freier Reisejournalist dort gemeldet.“

„In Ordnung!“ Die Stimme hatte einen klirrenden Klang angenommen. „Ein Reisejournalist, der meisterlich mit dem Messer umgehen kann, ist für Sie normal. Und jetzt hören Sie mir genau zu. Ich möchte zu jeder Zeit, Tag und Nacht wissen, wo er sich aufhält. Haben Sie das verstanden?“

„Selbstverständlich.“

„Und ich möchte morgen keine Probleme haben. Ist das klar?“

„Es wird keine Schwierigkeiten geben. Ich verspreche es Ihnen.“

Eiskalt lief es dem Mann den Rücken herunter, als er den Hörer auflegte. Morgen war Vollmond, und er hatte alles gut organisiert.

Hologo hatte einen Pajero gemietet und fuhr nach Ascona zurück. Er wollte im Hotel noch sein zweites Mobiltelefon und einen speziellen Ledergürtel mit Wurfmessern abholen, der in einer Seitenwand seiner Reisetasche verstaut war. Ab und zu kontrollierte er im Rückspiegel, ob ihm jemand folgte. Er änderte laufend die Geschwindigkeit, doch kein Wagen verhielt sich auffällig. Nochmals dachte er über die bisherigen Ereignisse nach. Suche nach Gemeinsamkeiten, auch wenn sie nicht gleich zuerkennen sind. Es wird immer welche geben, hatte sein Meister ihn gelehrt. Nichts passiert zufällig. Nichts ist unwichtig. Auch die geographischen Orte sind wichtig. Versuche zu klären, wie sie miteinander zusammen- hängen. Auch hier könnte die Lösung verborgen sein. Rationales Denken hindert manchmal das Bindeglied zu finden. Irrationale Visionen allerdings ermöglichen erst Verbindungen zu sehen, die irreal wirken, aber dennoch Wirklichkeit sind. Das Unsichtbare ist die Realität, während das Sichtbare die Vergangenheit ist.

Geographische Orte. Hologo überlegte. Hatte er etwas übersehen? Monte Verita, Ascona, Isole di Brissago, Locarno, Valle Maggia, Péccia und Fusio, was wurde in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen und was ist tatsächlich passiert!
Bisswunden! Die Katze im Holzverschlag und das Mädchen im Valle Maggia waren auf diese Weise getötet worden. Die vielen merkwürdigen Unfälle, die sich im Tal ereignet hatten, die Besuche des Professors in Fusio und sein Fahrer, der aus Péccia stammte, ließen nur eine logische Erklärung zu. Der Schlüssel für die Symbiose von Ratten und Menschen war nur im Valle Maggia zu finden.

Hologo parkte den Pajero direkt vor dem Haupteingang des Hotels. Schnell ging er auf sein Zimmer und untersuchte sein Gepäck. Es war nicht geöffnet worden. Aber das war auch nicht mehr notwendig. Der Kampf in der Gasse der Altstadt hatte ihnen gezeigt, daß sich so kein harmloser Besucher und Reisejournalist verhielt. Mehr wussten sie nicht. Das könnte möglicherweise sein einziger Vorteil sein. Doch wer gehörte alles zu dieser einzigartigen und gespenstischen Allianz dazu? Wie verständigen sie sich, und wer führte diese beinahe militärisch organisierte Zusammenarbeit verschiedener biologischer Spezies?

„Hallo, könnte ich Paolo sprechen?“

„Sind Sie Herr Hologo. Ich bin seine Tochter, Er hat mir erzählt, daß Sie eventuell jemanden suchen, der die Gegend gut kennt.“

„Wo ist denn Ihr Vater?“

„Er ist nach Cevio gefahren, um dort zwei Touristen aufzunehmen, die zurück nach Locarno wollen. Da Sie vielleicht anrufen würden, hat er mir sein Mobiltelefon überlassen. Während der Hin- und Rückfahrt braucht er es ja nicht.“

„Wo liegt denn Cevio?“

„Das liegt im hinteren Teil des Valle Maggia. Nach Cevio kommen nur noch vier Orte. Der letzte ist Fusio.“

Fast hätte er vergessen, daß dort die verstörte Frau gefunden wurde. Und jetzt hat Paolo auf einmal eine Fahrt nach Cevio.

„Wurde er angerufen?“

„Nein, ein Kollege, hat ihm die Tour vermittelt. Er wäre erkältet und wolle heute nicht mehr so weit fahren.“

„Wissen Sie, wer es war?“

„Ja, es war Carlo.“

Rattenblut Folge 6




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