Rattenblut - Folge 4
Dienstag Januar 02nd 2007, 09:44
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Wie ein Geschoss flog die Ratte aus der Dunkelheit auf ihn zu. Er sah die glühenden Augen, als sein herausschnellendes Messer den Körper durchbohrte. Ohne auf den blutenden Körper mit den heraushängenden Eingeweiden zu achten, drehte er sich wieder blitzschnell um. Die tote Ratte wurde durch diese Bewegung gegen eine Hauswand geschleudert. Er ahnte den nächsten Angriff, bevor er die Bewegung sah. Der nächsten anspringenden Ratte schlug er im Flug den Kopf ab. Der abgetrennte Körper flog die Gasse entlang. Überall verteilte sich das dunkelrote Blut. Bewegungslos wartete er auf einen erneuten Angriff. Wieder begann das Zischen. Wie viele Tiere es waren, konnte er nicht abschätzen, da es immer aus verschiedenen Richtungen zu hören war. Dann sah er sie. Sie kamen langsam aus der Dunkelheit auf ihn zu. Mindestens sechs Tiere, überlegte er. Wahrscheinlich lauerten hinter ihm genau so viele.

Die wenigen Lichtstrahlen aus den Häusern beleuchteten eine fast gespenstische Szenerie. Die glänzenden Augen der Ratten, die auf das blutverschmierte Messer und auf die herumliegenden zerfetzen Tiere starrten, schimmerten blutrünstig durch die Gasse. Das Zischen wurde dabei immer lauter. Hologo konzentrierte alle Sinne. Er nahm nichts mehr aus der Umgebung wahr. Auch den Aufschrei einiger Leute, die die Gasse betraten, hörte er kaum.

Fast wäre ihm der Pfiff vom Dach des Hauses entgangen. Die Ratten spuckten unwillig, und hinter ihm waren scharrende Geräusche zuhören. Dann liefen sechs Tiere an ihm vorbei und zogen sich mit den anderen zurück.

Hologo blickte nach oben. Da stand sie wieder, die Oberratte .Neben ihr die etwas kleinere, die er schon in Monte Verita gesehen hatte.

Ruhig, aber innerlich noch angespannt, sah er die funkelnden Augen.

Bildete er sich dies nur ein, oder hatten sie plötzlich einen höhnischen, verächtlichen Ausdruck, als auch sie in der Dunkelheit verschwanden? Natürlich! Sie waren sich ihrer Macht bewusst. Aber warum wurde der Angriff nicht fortgeführt? Und dann wurde es ihm augenblicklich klar, sie haben ihn getestet. Sie wussten jetzt, daß er kein harmloser Tourist war, der den Professor nur privat besuchen wollte. Seine Reaktion, die automatisch und reflexartig ablief, hatte ihn verraten.

Links vor ihm öffnete sich eine Tür. Ein Mann kam zögernd aus dem Haus. Suchend näherte er sich. Dann lief er schnell an Hologo vorbei. Nur einen kleinen Augenblick wurde er von einem Lichtstrahl erfasst. Es war der junge Mann von der Rezeption des Castello. Seine von Hass erfüllten Augen, ließen sein Gesicht wie eine verzerrte Maske aussehen. Kurz bevor er die Gasse verließ, drehte er sich noch einmal, als ob er sich die Szene noch einmal einprägen müsste.

Er gehört dazu, durchzuckte es Hologo. Aber wie? Und wo war der Butler? Wieder war eine zuschlagende Tür zu hören. Er steckte das Messer in die Scheide zurück und rannte durch die schreienden Leute in Richtung der Piazza.

Nichts hatte sich dort verändert. Das turbulente Leben pulsierte weiterhin. Auch das Boot des Butlers lag noch an der Anlegestelle.

Hologo setzte sich wieder ins Al Pontile und bestellte einen Cafe.

Er rief sich alle Einzelheiten der letzten halben Stunde ins Gedächtnis zurück. Die Ratten hatten ihn beinahe klassisch entlarvt. Schon auf der Piazza war er beobachtet worden, sonst hätten sie ihm nicht diese Falle stellen können. Es war eine strategische Meisterleistung Auch wusste er nun, daß sie mindestens einen Verbündeten hatten, den jungen Mann aus dem Hotel.

Nach und nach leerte sich die Promenade. Die einzelnen Cafes begannen zu schließen. Der Kellner legte ihm dezent die Rechnung auf den Tisch. Ohne die Anlegestelle aus den Augen zu lassen, legte er drei Franken hin.

Auf einmal sah er ihn. Der Butler bog aus einer Gasse und ging schnell über die Piazza zur Anlegestelle. Er trug beide Taschen in der Hand und stieg vorsichtig in das Elektroboot. Lautlos legte er ab.

Hologo stand auf und schlenderte in Richtung Castello. Die trügerische Ruhe, die sich nun über die Uferpromenade ausbreitete, jagte ihm einen leichten Schauer über der Rücken.

„Hallo Paolo, hier ist Hologo. Können Sie mich in einer Stunde im Hotel abholen?“

„Ja. Ich habe noch eine Fahrt, dann komme ich vorbei.“

Die ersten Sonnenstrahlen streiften das Fenster. Der leichte Nebel über dem See lichtete sich und die Piazza erwachte zum Leben. Wie gemalt, dachte Hologo, als er am Fenster lehnte.

Auf dem Weg zum Frühstücksraum hielt er an der Rezeption an.

„Entschuldigen Sie, der junge Mann, der gestern Dienst hatte, ist wohl nicht da?“

„Nein. Er hat sich krank gemeldet.“

Die Empfangsdame schaute ihn fragend an

„Und der Geschäftsführer Culocca?“

„Er hat Urlaub. Kann ich Ihnen helfen, ich vertrete ihn.“

„Ich frage nur, weil er mit mir gestern gesprochen hatte, ohne den Urlaub zu erwähnen.“

„Das war kein geplanter Urlaub, er musste eine dringende Familienangelegenheit erledigen.“

„Ach so! Danke.“

Der junge Mann krank, Culocca mit akuten Familiendingen unterwegs, der Butler, Lätti und seine Freundin, Baldoni, der sich sehr vertraut mit Culocca auf der Piazza unterhalten hatte, welche Personen hatten mit den gestrigen Geschehnissen zu tun, vor allem, welche Rolle spielte der Butler?

Das Taxi kam pünktlich. Hologo wartete im Innenhof des Hotels.

„Fahren Sie mich zu der Cousine Ihrer Schwester!“ Er sprach absichtlich sehr leise, als er in den Wagen stieg.

„Übrigens, ich hatte vergessen Ihnen zu sagen, daß der Mann von Lara den Professor ab und zu irgendwohin gefahren hatte. Wohin weiß ich nicht .Aber Lara könnte es wissen. Sie ist zu Hause. Ich habe sie angerufen. Nach Ihrem Anruf habe ich mir schon gedacht, daß sie Lara sprechen wollten.“ Paolo freute sich wie ein kleines Kind, daß seine Vermutung richtig war.

Nach nur zehn Minuten Fahrt stoppten sie an einer kleinen Seitenstraße.

„Das gelbe Haus dahinten ist es. Ich gehe mit Ihnen. Die Cousine ist sehr ängstlich und gegenüber Fremden äußerst schweigsam.“

Paolo klopfte an der Tür und eine ältere, kleine Frau öffnete.

„Kommen Sie herein. Paolo hat mich angerufen. Sie wollen einige Fragen über den Professor stellen. Aber ich weiß nichts. Ich war nur einmal in der Woche bei ihm. Meistens war er im Labor, wahrend ich in der Wohnung sauber gemacht habe. Ich konnte das Geld gut gebrauchen, ein furchtbarer Unfall. Es musste ja so kommen. Professor, habe ich gesagt, schließen Sie nicht die Tür ab. Wenn etwas passiert, sind Sie eingeschlossen“

Die Worte sprudelten so schnell aus ihr heraus, als ob sie ihre Unsicherheit verbergen wollte.

„Wissen Sie woran der Professor gearbeitet hat?“

„Nein, über solche Sachen hat er mit mir nicht gesprochen. Ich hätte das auch nicht verstanden. Ich bin eine einfache Frau, wissen Sie.“

„Ihr Mann hat doch den Professor manchmal gefahren?“

„Ja, Rino hat ihn ab und zu ins Valle Maggia gefahren. Das Tal hat dem Professor wohl gefallen.“

„Ihr Mann ist nicht zufällig hier?“

„Nein, er ist nach Péccia gefahren. Eine Familienangelegenheit, er stammt von dort. Péccia liegt auch im Tal. Es ist der vorletzte Ort. Dann kommt nur noch Fusio.“

Hologo richtete sich blitzartig auf. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Er dachte an den Holzverschlag hinter dem abgebrannten Haus des Professors. Zwei Buchstaben waren auf der Rückseite der Tür zu sehen, ein großes F und ein kleines u.

„Zu welchen Orten Ihr Mann den Professor gefahren hat, wissen Sie nicht?“

Sie zögerte. Anscheinend überlege sie sich, was sie erzählen konnte und was nicht.

„Rino spricht nie darüber, wohin er wen fährt. Er ist so eine Art privates Taxi. Viele Leute rufen an. Nicht nur Touristen, von den Hotels, selbst Einwohner aus Ascona mieten ihn. Und es sind schon die besseren, honorigen Leute hier vom Ort.“

„Doch, jetzt fällt es mir wieder ein. Einmal hat Rino erzählt, daß er den Professor bis an das Ende des Tales, also nach Fusio, gefahren hat. Da hätte er gut verdient. Und solche Fahrten würde er nun öfters machen. Wir haben uns natürlich darüber gefreut, denn jeden zusätzlichen Verdienst können wir brauchen.“

„Danke, ach übrigens, wer waren denn die Kunden aus Ascona?“

„Genau weiß ich das nicht. Ich glaube der Geschäftsführer vom Castello war dabei, auch von der Bank jemand und sogar die Gräfin mit ihrem Butler. Mehr kann ich nicht sagen.“

Hologo bedankte sich und ging mit Paolo zu dessen Taxi zurück.

„Ich wusste gar nicht, daß Rino solche Kunden hatte. Vielleicht sollte ich mich umstellen. Wohin soll ich Sie bringen?“

„Nach Locarno, zum Bahnhof. Ich habe noch ein Gepäckstück im Schließfach.“

Der Professor war also oft im Valle Maggia und in Fusio. Die Buchstaben könnten Fusio bedeuten. Aber wer hat versucht mit letzter Kraft diesen Hinweis zu geben? Woran hat der Professor im Labor gearbeitet? Und warum war er jetzt tot? Überhaupt häuften sich plötzlich dringende Familienangelegenheiten.

„Sehen Sie!“ Paolo war außer sich.

„Diese Mistviecher sind ja überall. Es ist höchste Zeit, daß die Stadtverwaltung dagegen Maßnahmen ergreift. Früher gab es hier so gut wie keine Ratten. Nun sind sie schon am Tage zu sehen. Die verhalten sich so, als ob die Stadt ihnen gehörte.“

Zwei Ratten liefen unbeeindruckt vom Straßenverkehr um das Taxi herum.

Rattenblut Folge 5