Rattenblut - Folge 35
Montag August 27th 2007, 23:04
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Mit hoher Geschwindigkeit fuhren sie das Tal hinunter. Ohne auf Verbotsschilder zu achten, überholte Gilda andere Fahrzeuge. Wütend fingen die Fahrer an zu hupen und zu gestikulieren. Verkrampft hielt sich Lätti an der Lehne des Vordersitzes fest und atmete tief durch, als der Geländewagen ohne abzubremsen beinahe quer durch eine Kurve schlingerte. Hologo verzog keine Mine, er hatte bei der Fahrt von Fusio herunter gesehen, dass sie eine ausgezeichnete Fahrerin war.

„Cevio.“ Gilda hatte die Worte nur herausgestoßen, dann presste sie wieder die Lippen zusammen. Hier hatte für sie und ihren Vater Paolo alles angefangen. Obwohl nur wenige Tage vergangen waren, kam es ihr vor, als wäre es eine Ewigkeit gewesen. Alles hatte sich verändert. Durch die scheußlichen Erlebnisse wurde ihr Leben neu definiert. Die Vergangenheit war nur noch eine vage Erinnerung. Müde lächelte sie vor sich hin und dachte an ihre christliche Erziehung. In der Bibel bei Johannes hieß es, dass die Taufe die Erneuerung des Menschen durch den Heiligen Geist vollzieht. Ihre Wiedergeburt war aber befleckt von Blut, Schmutz, Tod, Sperma, und die Seele eines geschändeten Körpers hatte sich verwandelt. Es war ihre Reinkarnation. Das naive, behütete Mädchen war tot. Eine Kriegerin war geboren worden.

„Samsara.“ Als hätte Hologo ihre Gedanken lesen können, wandte er sich ihr zu. „Das ist altindisch und bedeutet das Umherwandern. Das ist das Grund-Dogma der Philosophie und Ethik der Hindus und Buddhisten. Die Befreiung aus dieser Seelenwanderung und das Eingehen in das Nirwana ist das höchste Ziel der indischen Weisheit und Religiosität. Auch mein Meister hat mich darin unterrichtet.“

„Nirvana?“

„Im Buddhismus bedeutet es das Erlöschen des individuellen Bewusstseins und der Lebensgier, die Lösung aus dem Geburtenkreislauf, und die Befreiung aus dem Leiden des Diesseits. All diese Dinge sind von dem Erlösten schon im jetzigen Dasein erreichbar, ganz im Gegensatz zu den westlichen Religionen.“

„Bist Du ein Buddhist?“

„Ich weiß es nicht. Für die Kampftechnik des Kalari sind allerdings bestimmte Konzentrationsübungen, die das eigene Bewusstsein ausschalten, äußerst hilfreich. Wenn ich meinen Meister besuche und mit ihm meditiere, erreiche ich oft eine spirituelle Ebene, in der ich mich vollkommen vom diesseitigen Leben gelöst habe. Nichts ist mehr wichtig, keine Gedanken stören die Harmonie, und ich empfinde nur noch eine Klarheit und eine Art von Glück. Nach unserer letzten gemeinsamen Meditation hat mein Meister gemeint, ich sei auf dem Weg.“

Nachdenklich schaute Gilda Hologo an.

„Vorsicht!“ Etwas blass geworden, deutete Lätti auf einen einbiegenden Wagen, an dem Gilda mit einem waghalsigen Manöver vorbei fuhr. „Ich möchte Eure Unterhaltung ja nicht unterbrechen, aber Gilda sollte sich auf die Straße konzentrieren.“

Je näher sie Maggia kamen umso dichter wurde der morgendliche Verkehr. Kleine Lieferwagen fuhren ihre Waren aus, und auch die ersten Touristen fielen durch ihre unsichere Fahrweise auf. Obwohl sie jetzt langsamer vorwärts kamen, warfen sie keinen Blick auf die vorbeiziehende, wunderschöne Landschaft.

Hupend kämpfte sich Gilda durch den Ort und überfuhr einige Ampeln bei Rot. Eifrig schrieb ein Polizist die Autonummer des Pajeros auf, gestikulierte und zeigte auf die zersplitterte Windschutzscheibe.

Das Tal wurde nun wieder breiter, und nach etwa 20 Minuten passierten sie Ponte Brolla, den Scheitelpunkt ins Centovalli. Während Gilda zügig, manchmal voller Risiko die einzelnen Autos und einen Linienbus überholte, dachte Hologo an das höhnische Gesicht von Rino. Instinktiv spürte er, dass dessen letzte Worte irgendeine wichtige Bedeutung hatten. Aber welche?

Sie erreichten jetzt das Delta der Maggia und bogen vor Locarno in Richtung Ascona ab. Da mehrere Polizeiwagen die Straße kontrollierten, hielt sich Gilda an die Geschwindigkeitsvorschriften.

„Fahre einfach gerade aus. Durch einen Tunnel kommen wir am Seeufer entlang nach Porto Ronco. Von dort können wir das Linienschiff zu den Brissago-Inseln nehmen.“ Lätti hatte sich jetzt sichtlich entspannt zurückgelehnt.

Als sie sich auf der Uferstraße befanden, schraubte Hologo das Zielfernrohr seiner Sniper KS ab und reichte es Lätti. „Der Sekretär und die anderen haben ungefähr einen Vorsprung von einer Stunde. Vielleicht sind sie aufgehalten worden. Du kennst ja das Boot der Gräfin.“

Der Nebel, der beinahe jeden Morgen über dem See lag, hatte sich gelichtet, und die ganze malerische Schönheit des Lago Maggiore entfaltete sich. Gilda musste nun höllisch aufpassen, da manche Autos die Spur nicht einhielten, so sehr waren die Fahrer von diesem herrlichen Anblick abgelenkt.

Kurz vor Porto Ronco schrie Lätti auf. „Da ist das hölzerne Boot der Gräfin! Ich sehe den Sekretär und einen anderen Mann. Sie steigen gerade an der Anlegestelle der Insel aus.“

„Haben sie zwei größere Taschen dabei?“ Hologo hatte sich aufgerichtet und überprüfte automatisch seine Messer und sein Kurzschwert.

„Ich glaube nicht, zumindest kann ich keine erkennen.“

Starr sah Hologo auf den See. Wenn das Boot jetzt erst angelegt hatte, haben sie die Fahrt irgendwo unterbrochen oder sich länger in Ascona aufgehalten. Aber warum? Das konnten sie nur von dem Sekretär erfahren. Er wurde unruhig, denn er hatte plötzlich das Gefühl, dass die Zeit drängte.

Quietschend kam der Wagen auf dem Parkplatz zu stehen. Sie rissen die Türen auf und stürzten zur Anlegestelle hinunter. Das Linienschiff hatte schon die Leinen gelöst und war bereit zum Ablegen.

Lätti hatte seinen Dienstausweis gezückt und rief „Polizei“, bevor die Besatzung den Eingang mit einem Gitter schließen konnte. Im letzten Augenblick sprangen sie an Bord.

Hologo und Gilda gingen auf das Oberdeck. Lätti erklärte inzwischen dem Dienst habenden Steuermann, dass sie auf der Insel etwas untersuchen müssten.

„Da.“ Gilda deutete auf eine der Sitzbänke. Eine kleine Lache frischer, dunkelroter, fast schwarzer Flüssigkeit tropfte auf den Boden.

„Blut, jemand saß hier, und er hat gesehen, dass wir das Schiff betreten haben. Der Farbe nach, gehört er zu denen, die fliehen konnten. Anscheinend hatte Alfio einen oder mehrere angeschossen. Ich werde mich umsehen. Du wartest mit Lätti unten am Ausgang auf mich.“ Hologo legte die Schlinge des langen Messers um sein Handgelenk und ging zu den Toiletten, die sich hinter dem Steuerraum auf dem Oberdeck befanden.

Rattenblut Folge 36