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Gilda hatte die rechte Hand ausgestreckt. Mit blitzenden Augen sah sie eher befehlend als bittend Hologo an. Sie wirkte gelassen und in sich gekehrt. Nichts schien mit ihr passiert zu sein. Doch manchmal zuckten ihre Oberschenkel, als wollten sie sich zusammenpressen. Reflexartig fuhr dann ihre linke Hand nach unten, um sich zu schützen. Auch wenn sie dabei errötete, sie war an den Misshandlungen nicht zerbrochen.
Hologo schaute sie prüfend an. Die äußeren Wunden werden schnell heilen, die inneren jedoch brauchen eine längere Zeit. Sie wird nie mehr die fröhliche junge Frau sein, die mit ihm vor zwei Tagen in das Tal aufgebrochen war. Ihre Unbekümmertheit und ihre liebenswerte Naivität waren ihr gewaltsam genommen worden. Sie war psychisch und physisch den größten Belastungen ausgesetzt gewesen. Der gewaltsame, fürchterliche Tod ihres Vaters Paolo, die schrecklichen Ereignisse in Peccia und Bignasco, sowie ihre eigenen Leiden, hatten eine innerliche Stärke bei ihr entwickelt, die einen Krieger auszeichnet. Wenn alles vorbei war, würde er sie fragen, ob sie von seinem Meister in Indien ausgebildet werden wollte.
„Horatio, bitte!“
Eine eigenartige Stille breitete sich plötzlich in dem Raum aus. Sie wurde nur durch das Schluchzen von Mignon unterbrochen, die bei Baldoni kniete. Selbst Bellona wirkte immer noch wie gelähmt und sah gebannt auf Gilda. Auch das Mädchen auf dem kreuzartigen Tisch bewegte sich nicht. Sie hatte die Augen geschlossen. Anscheinend war sie ohnmächtig geworden. Lätti stand regungslos vor Culocca und Rino und hatte die Waffe auf sie gerichtet. Kein einziges Wort fiel in dieser gespenstisch anmutenden Atmosphäre.
Hologo sah Gilda noch einmal eindringlich an, dann zog er langsam sein Kurzschwert heraus und reichte es ihr mit beiden Händen. Es war eine Zeremonie, und Gilda spürte es. Ihre Augen bekamen einen stolzen Ausdruck. Hologo hatte sie mit diesem Ritual in die Kaste der Krieger aufgenommen. Mit einem dankbaren Nicken nahm sie das Schwert entgegen. Würdevoll drehte sie sich um ging mit bedächtigen Schritten zu Rino und Culocca.
Respektvoll blickte ihr Hologo nach. Es war nicht mehr Gilda, die das Schwert in der Hand hielt, es war Nemesis, die Göttin der Rache. Er wusste, dass, was sie jetzt tun wollte, für sie von größter Bedeutung war. Nur so konnte sie sich von dieser Schmach innerlich reinigen. Es war ihre Katharsis.
Culocca und Rino fingen an höhnisch zu grinsen, als Gilda in ihrer Nacktheit vor ihnen stand und sie mit versteinerter Mine musterte. Doch dann verzerrten sich ihre Gesichter, denn in ihren mitleidlosen Augen sahen sie den Tod.
Rino stieß einen fürchterlichen Schrei aus. Gilda hatte das Schwert von unten her hochgerissen und ihm mit einem wuchtigen Hieb die Genitalien zerteilt. Stöhnend hielt sich Rino die Hände auf das herausschießende Blut und brach zusammen. Dann drehte sich Gilda blitzschnell herum, rammte dem entsetzten Culocca das Schwert in den Unterkörper, bewegte es hin und her und zog es mit einem Ruck wieder heraus. Kreischend fiel er auf die Knie und drückte auf die herausquellenden Organe. Gilda sah ihn kurz an, dann holte sie aus und schlitzte ihm den Hals auf. Mit halb abgetrenntem Kopf sank Culocca auf den Boden. Ohne nochmals einen Blick auf ihn zu werfen, wandte sie sich wieder Rino zu, der röchelnd mit aufgerissenen Augen in seiner eigenen Blutlache lag. Als Gilda über ihm stand und das Schwert hob, ging ein triumphierendes Aufleuchten durch sein Gesicht.
„Lara hat…, Lara wird…..“ Es waren die letzten Wortfetzen von Rino, dann fiel sein Kopf zur Seite. Gilda hatte ihm mit einem kräftigen Schlag den Hals durchgetrennt. Wortlos wischte sie das blutverschmierte Schwert an der Hose von Rino ab und brachte es Hologo zurück.
„Ich musste es tun, Horatio.“
„Ich weiß. Du hast sie nicht getötet, Du hast sie bestraft und hingerichtet.“
Entschlossen sah Gilda Hologo an. „ Ich bin jetzt bereit für Deinen Meister.“
Während Gilda ihre zerissene Jeans und das zerfetzte T-Shirt anzog, war Lätti auf die Bühne gesprungen.
Hasserfüllt stierte ihn Bellona an. „Wir werden uns weiterverbreiten, denn die Königin ist Euch entkommen.“ Dann brach sie in ein infernalisches, beinahe wahnsinniges Gelächter aus. „Luzifer ist unser Gott, und die Königin ist sein Stellvertreter auf Erden. Auch wenn hier alles zerstört wird, wir können überall unsere Macht wieder aufbauen und die einzelnen Wirtschaftspositionen beeinflussen. Im Gegensatz zu Dir haben wir keine Skrupel. Das ist unser Kapital.“
„Meinst Du?“ Voller Verachtung sah Lätti sie an und holte die Patrone aus der Hosentasche. Ungläubig sah Bellona zu, wie er die Sig-Sauer P mit diesem letzten Schuss lud. Nun erst wurde ihr bewusst, was er vorhatte. Zischend und mit gefletschten Zähnen sprang sie vor. Sie hörte den Schuss nicht mehr. Mit einem Loch in der Stirn plumpste sie auf die tote Gräfin. Mit Tränen in den Augen ging Lätti zu dem gefesselten Mädchen und band es los. Sie war immer noch bewusstlos. Vorsichtig lehnte er sie so an den Tisch, dass sie die ganzen Leichen im Raum nicht sah, wenn sie aufwachte.
Gilda hatte inzwischen Mignon von ihrem Vater weggeholt und kam mit Hologo auf die Bühne.
„Ich bin Ruodi. Ich habe Deinem Vater versprochen, dass ich mich um Dich kümmern werde, wenn ihm etwas passiert.“ Aufmunternd ging Lätti auf Mignon zu und strich ihr über das verängstigte Gesicht.
„Ja, er hat es mir im Zimmer gesagt.“ Apathisch ging Mignon auf Lätti zu. Verschüchtert berührte sie seine nassen Wangen und schmiegte sich an ihn.
„Das Mädchen scheint wieder bei Bewusstsein zu sein. Gilda, hilf ihr beim Anziehen. Wir müssen los.“ Hologo drängte jetzt zur Eile, da außerhalb verschiedene Schüsse fielen. „Das ist nicht nur die Pistole von Alfio, folgt mir in einigen Minuten!“
Hologo öffnete die hintere Tür an der Bühne und ein kleiner Gang endete genau an dem steinigen Weg, der zur Brücke und zu dem Parkplatz führte.
Während er hinunterlief, begann es nach und nach hell zu werden. Die ersten Sonnenstrahlen waren durch den abklingenden Nebel zu sehen und aus den Seitengassen drangen einzelne Pfiffe hervor. Das Tageslicht hatte die Kreaturen, die flüchten konnten, wieder in Ratten verwandelt. Hologo war sich sicher. Viele konnten es nicht mehr sein, da durch Lätti und ihn, sowie durch den ausgebrochenen Blutrausch die meisten getötet wurden. Doch die Königin, ihr Begleiter und der Sekretär, sowie einige andere Personen waren entkommen. Wieder wurde geschossen. Offensichtlich nur noch aus derselben Waffe. Dann hörte er, wie zwei Motoren gestartet wurden, und zwei Wagen aufheulend davonfuhren. Beunruhigt erreichte er den Parkplatz, auf dem drei Männer lagen. Zwei hatten Schusswunden, der andere wurde anscheinend bei der überstürzten Flucht überfahren. Schnell rannte er auf die andere Seite, von wo aus Alfio Ihnen Deckung geben sollte. Und er hatte es schon geahnt, Alfio war von mehreren Kugeln getroffen und lag mit geschlossenen Augen röchelnd neben dem Gewehr, das Hologo ihm überlassen hatte. Seine Pistole hatte er fest umklammert, als wollte er sie schützen.
„Alfio!“ Behutsam löste Hologo die Waffe aus den verkrampften Fingern.
Mühsam schlug Alfio die Augen auf und ein leichtes Lächeln erhellte sein Gesicht.
„Hologo, ich konnte nicht alle aufhalten, habt ihr den Professor erwischt?“ Seine Stimme war so leise, dass Hologo sich zu ihm niederbeugen musste.
„Ja, fast alle sind eliminiert, bis auf die Königin. Aber ich weiß, wo ich sie finden kann.“
„Das ist gut.“
Alfio war kaum noch zu verstehen, und Hologo hielt sein Ohr nah an seinen Mund.
„Hologo, könnten Sie der Signora meine Llama bringen, und…. Mario soll mich abholen.“
„Sie können sich auf mich verlassen.“
Wieder versuchte Alfio zu lächeln, aber nur die Lippen öffneten sich. Ein Zucken lief durch seinen Körper und mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht starb Alfio.