Rattenblut - Folge 29
Dienstag Juli 17th 2007, 16:58
Abgelegt unter: Fantasy-Romane
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Zwei Pfleger, welche die Männer abholen sollten, kamen mit gezogenen Pistolen herein gestürzt. Während Lätti sich zur Seite fallen ließ, versuchte Hologo den Professor wegzustoßen, der wie gelähmt stehen blieb. Doch es war zu spät. Der Körper des Professors wurde von mehreren Kugeln getroffen, drehte sich um die eigene Achse und sank langsam auf den Boden. Hologo hechtete nach vorne zu den Pflegern und zog dabei sein Kurzschwert heraus. Sie waren so überrascht, dass sie kurz zögerten. Das war die Sekunde, die Hologo benötigte. Blitzschnell rollte er sich ab, rammte beim Aufspringen einem der Männer sein Messer in den Hals und schleuderte ihn auf den anderen Pfleger. Mit einem wütenden Aufschrei wich dieser aus und schoss wahllos im Labor herum. Reagenzgläser und Teile der Laboreinrichtung zersplitterten, und die beiden Männer an den Infusionen bäumten sich schreiend auf, als sie von den Schüssen getroffen wurden. Dann war das Magazin leer. Ungläubig und mit verzerrter Mine starrte er auf die Waffe.

Mit einem Satz war Hologo bei ihm und drückte ihm das Kurzschwert so stark an die Kehle, dass die Haut aufgeritzt wurde. „Was passiert gerade in dem Versammlungsraum?“

Der Pfleger verzog das Gesicht zu einer hässlichen Fratze und spuckte Hologo an. „Mit den anderen haben wir schon unseren Spaß gehabt, nun ist das Mädchen auf dem Tisch dran. Und viele werden wir uns noch vornehmen.“ Dann fing er an zu schreien. „Rattenblut, Rattenblut, Rattenblut, Rattenblut!“

Das letzte Wort war nur noch ein Röcheln, denn Hologo hatte ihm das Kurzschwert mit voller Wucht in das Herz gestoßen. Als er auf dem Boden lag, hatte sein Gesicht einen rattenhaften Ausdruck angenommen und am Rücken war unter dem weißen Mantel ein langer nackter Schwanz zu sehen.

Gebannt und doch voller Abscheu starrte Lätti auf die Leiche. „Wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehen würde, das ist ja furchtbar, diese Kreatur ist ein Rattenmensch.“ Immer wieder schüttelte er angeekelt den Kopf. Er konnte sich von diesem Anblick einfach nicht losreißen.

„Ruodi, der Professor!“ Fast gewaltsam zog Hologo Lätti von der Leiche weg. „Ich glaube, er lebt noch.“

Der Professor lag auf dem Boden, seine Beine waren blutüberströmt, und er hatte beide Hände auf seinen Bauch gepresst. Die Augen waren leicht geöffnet. Vorsichtig richtete Hologo den Oberkörper auf, und Lätti stützte ihn mit seinen Knien ab.

„Professor, hören Sie mich?“

„Ja.“ Es war kaum zu hören. Dann versuchte er ein leichtes Lächeln und fing an zu flüstern.

Hologo neigte sich zu ihm hinunter und hielt sein Ohr an seinen Mund.

„Hologo, ich habe einen Bauchschuss, Sie wissen, was dies bedeutet. Und jetzt hören Sie mir genau zu. In dem Schrank, vor dem die Männer mit den Infusionen liegen, sind zwanzig Ampullen mit den entsprechenden Essenzen. Eine davon hat einen gelben Aufkleber. Die bringen Sie mir, aber vorsichtig, sie enthält eine Nitroglyzerinmischung. Mit ihr kann ich das ganze Labor einschließlich meiner Forschungsergebnisse vernichten. Und,“ mit letzter Anstrengung hob der Professor seine Hand, „die Königin und die Gräfin haben noch zwei Infusionsampullen irgendwo versteckt, da sie mir nicht mehr vertrauten. So könnten sie aus diesen Mixturen eventuell die biologisch-chemischen Zusammensetzungen von anderen Wissenschaftlern analysieren lassen. Diese müssen sie unbedingt finden und vernichten.“ Kraftlos ließ er seine Hand fallen, doch plötzlich hatten seine Augen einen festen Blick bekommen. „Töten sie die Gräfin und die Königin, sie sind das Böse und verehren Luzifer als ihren Gott, den eigentlichen Feind der Menschen.“ Die Stimme des Professors war jetzt kaum noch zu verstehen. „Danken Sie Hagen Steiger, und jetzt bringen Sie mir schnell die Ampulle. Ich habe nicht mehr viel Zeit.

Hologo gab Lätti ein Zeichen, und sie zogen den Professor an den Armen zu dem Schrank, in dem die Infusionen verstaut waren. Behutsam setzen sie ihn mit aufgerichtetem Oberkörper an die angrenzende Zimmerwand. Langsam, fast bedächtig, öffnete Hologo die Schranktür, die trotz der unkontrollierten Schießerei unversehrt geblieben war. Er konzentrierte sich einige Minuten. Dann nahm er mit äußerster Vorsicht die Ampulle mit dem gelben Aufkleber in beide Hände. Zentimeter für Zentimeter hob er sie an. Marionettenhaft trat er dann Schritt für Schritt zurück. Er wusste, dass Nitroglyzerin höchst gefährlich war und bei Stößen, Schlägen oder Erhitzen sofort explodierte. Seine zeitlupenhaften Bewegungen sahen aus wie die Übungen des T’ai Chi Ch’uan. Ruhig und voller Konzentration legte er die Ampulle neben dem Professor auf den Boden.

Jetzt wurde Lätti erst bewusst, was für ein Glück sie hatten, dass keine Kugel den Schrank getroffen hatte. Mit einem lauen Gefühl im Magen wischte er sich den ausbrechenden Schweiß vom Gesicht. Während er versuchte seine innere Erregung zu verbergen, untersuchte Hologo die zwei angeschnallten Männer. Sie waren nur an den Beinen getroffen worden.

„Binden Sie mich augenblicklich los, Lätti, ich befehle es ihnen.“ Voller Panik warf sich der Polizeichef hin und her, er ahnte wohl, was ihn erwartete. Auch der andere Mann fing nun an zu schreien. „Ich bin der Leiter der Verwaltungsbehörde in Bellinzona, machen Sie mich los, ich habe mit denen nichts zu tun. Sie haben mich gezwungen!“

Hologo zögerte und sah den Professor an. Der schüttelte nur den Kopf und blickte auf den Schwanz des getöteten Pflegers.

„Was meint er damit?“ Auch Lätti war sich nicht sicher, wie sie sich verhalten sollten.

„Er wollte uns mitteilen, dass es für denjenigen, der einmal diese Infusion bekommen hat, kein zurück mehr gibt. Die Transformation kann nicht aufgehalten werden. Die weitere Entwicklung ist nicht umkehrbar. Sie ist endgültig. Also müssen sie sterben.“

Lätti lief es wieder eiskalt den Rücken hinunter, als Hologo diese radikale Konsequenz in ihrer ganzen Tragweite so gelassen aussprach. Alle, die einmal hier diese spezielle Essenz bekommen haben, müssen getötet werden. Er dachte dabei auch an Bellona, und ein heißes Brennen stieg in ihm empor. Wie konnte sie nur, wahrscheinlich war sie gezwungen worden. Aber alle möglichen Entschuldigungsgründe spielten keine Rolle mehr, sie war infiziert, und sie gehörte nun einer anderen mörderischen Spezies an. Auch sie musste eliminiert werden. Es gab keine andere Lösung, und der Gedanke ließ ihn erschauern. Alles in ihm sträubte sich gegen diese rationale Notwendigkeit, doch er wusste, dass Hologo Recht hatte. Ein paar Tränen vermischten sich mit den Schweißperlen, und er wischte sich verschämt über das Gesicht.

Plötzlich fielen Schüsse.

„Das kommt aus dem Obergeschoss, das ist sicher Baldoni.“ Fragend sah Lätti Hologo an. Seine sentimentalen Gedanken waren verschwunden, die Realität hatte ihn wieder eingeholt.

Hologo steckte sein Kurzschwert zurück, beugte sich zum Professor hinunter und prüfte die Halsschlagader. „Er ist tot. Hilf mir Ruodi. Dahinten ist ein langes Seil. Öffne die Tür des Raumes, der in den Gang mündet, binde das Seil an den Griff und ziehe es durch den Vorraum bis hierher ins Labor. Das andere Ende bringen wir am Hals des Professors an.“

Lätti beeilte sich, denn oben wurde wieder geschossen. Nachdem das Seil angebracht und gespannt war, nahm Hologo die Ampulle mit dem Nitro und steckte sie ganz vorsichtig in die innere Jackentasche des Professors. Ohne auf die Schreie der angeschnallten Männer zu achten, gingen sie langsam rückwärts, bis sie die Tür zum Gang erreicht hatten. Lätti lief einige Meter den Gang entlang und wartete. Dann schlug Hologo die Tür zu und sprang zur Seite. Eine ohrenbetäubende Detonation erfolgte, und die Explosion schleuderte die zersplitterte Tür in den Gang. Auch Hologo und Lätti wurden durch die Druckwelle umgerissen.

„Alles in Ordnung?“

„Ja, nur eine kleine Prellung.“ Lätti grinste und zeigte mit einer abwertenden Geste auf die linke Schulter.

„Die werden sicher die Explosion gehört haben und jemanden schicken. Du gehst auf der linken und ich auf der rechten Seite des Ganges. So bleibst Du verdeckt, wenn die Tür ins Treppenhaus geöffnet wird, und wir haben einen kleinen Vorteil, da sie mit Dir wahrscheinlich nicht rechnen.

Lätti staunte jedes Mal über die Übersicht, die Hologo auch in den ungewöhnlichsten Situationen bewies.

Leise näherten sie sich dem Treppenhaus. Hologo hob den Arm, da auf einmal ein wüstes Geschrei zu hören war. Lautlos öffnete Hologo einen Spalt weit die Tür.

Unter zynischem Gelächter wurden Baldoni und seine Tochter Mignon von drei Pflegern die Treppe heruntergestoßen. Die Vorfreude auf das, was mit beiden geschehen sollte, zeigten sie durch unmissverständliche Gesten. Baldoni hinkte, und sein rechter Arm hing blutend und bewegungslos herunter. Seine Tochter hatte eine aufgeplatzte Augenbraue, aber sonst schien sie unverletzt zu sein.

„Noch nicht!“ Hologo zischte nur, als Lätti die Pistole entsicherte.

Die Tür zum Versammlungsraum wurde aufgerissen und Bellona kam heraus. Höhnisch musterte sie Baldoni und seine Tochter. „Da haben wir ja noch ein junges Fleisch für Luzifer und unsere Freunde. Du, Baldoni, hast uns sehr enttäuscht. Pjotr wird Dich bestrafen, und Deine Tochter wird allen Vergnügen bereiten, bevor sie unserem Gott geopfert wird. Hörst Du,“ Bellona fing hässlich an zu Kichern, als aus dem Raum ein schrilles Gejohle aufklang, „unser Freund Rino beschäftigt sich gerade mit der Kleinen auf dem Tisch.“

Rattenblut Folge 30