Rattenblut - Folge 25
Sonntag Juni 17th 2007, 20:42
Abgelegt unter: Fantasy-Romane
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Vorsichtig ging Hologo den steinigen Weg entlang. Eine gespenstische Stille lag über dem Ort. Keine einzige Straßenlaterne brannte, und das fahle Licht des Vollmondes erhellte die einzelnen Gassen zwischen den Häusern nur spärlich. Hologo spürte fast körperlich die Gefahr, die in der Dunkelheit lauerte. Alle seine Sinne waren aufs Höchste angespannt. Diese trügerische Ruhe wurde nur durch das Keuchen von Baldoni unterbrochen, der Mühe hatte Hologo zu folgen. Selbst aus den Taschen, die Lätti trug, war kein einziges Geräusch zu hören. An einer Biegung blieb Hologo stehen und wartete auf Baldoni und Lätti. Dann zeigte er wortlos auf ein etwa 50 Meter entferntes Haus, das wie eine Osteria aussah.

„Das ist das Dazio, und dahinter liegt das Sanatorium.“ Baldoni flüsterte so leise, dass es kaum zu hören war. Immer wieder wischte er sich mit dem Ärmel seiner Jacke über das Gesicht. Je näher die Entscheidung rückte, umso hilfloser fühlte er sich. Eine panische Angst um seine Tochter hatte ihn ergriffen. Hoffentlich kamen sie nicht zu spät. Die Pistole rutschte ihm aus der schweißnassen Hand und fiel auf den Steinweg. Ein dumpfes Geräusch zerriss die Stille, als die Waffe aufschlug. Plötzlich ertönten zwei schrille Pfiffe aus den Taschen. Lätti ließ sie sofort fallen, und zog seine Sig-Sauer mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer. Hologo hielt sein langes Messer in der Hand und hatte sich so gedreht, dass er mit dem Rücken an einer Hausmauer stand. Während Baldoni versuchte, schnell wieder seine Waffe aufzuheben, begannen die Ratten in den Taschen hin und her zu springen. Verunsichert blieb er gebückt stehen. Dann schrie er auf. Aus einer Gasse sprang eine Ratte heraus und biss sich in seiner rechten Hand fest. Verzweifelt begann er sie auf einen größeren Stein zu schlagen, um sie abzuschütteln. Doch trotz zerschlagener blutiger Augen, ließ sie nicht los. Rasend vor Wut hob er seine Pistole auf und hielt ihr den Lauf an den Kopf.

„Nein.“ Lätti schob den Arm von Baldoni weg und schoss. Nur ein leises Plop war zu hören, und die Ratte fiel zu Boden. Baldoni holte ein Taschentuch und wickelte es sich um die blutende Hand.

Hologo hatte sich die ganze Zeit nicht gerührt. Angespannt beobachtete er die einmündenden Gassen. „Achtung, da kommen sie.“

Langsam, fast überheblich kamen sie aus verschiedenen Richtungen aus der Dunkelheit hervor. Ihre kleinen schwarzen Augen glühten und funkelten. Hologo schätzte, dass es mindestens 10 bis 12 Tiere waren. Sie schienen sich ihrer Stärke absolut sicher zu sein. Dann ein kaum wahrnehmbarer Pfiff, und sie formierten sich zu einer Einheit, die an frühere Angriffstrategien erinnerte. Alles verlief lautlos, auch die Ratten in den Taschen verhielten sich absolut ruhig.

„Ruodi.“ Hologo hatte nur geflüstert, aber Lätti hatte sofort begriffen und stellte sich neben die Taschen.

Wie in Zeitlupe näherten sie sich. Ihre Lefzen waren hochgezogen und Speichel lief aus den Mäulern. Einige spuckten und fingen an zu zischen. Baldoni war wie gelähmt. Er hatte noch nie die Ratten in Aktion gesehen. Culocca hatte ihm zwar erzählt, dass sie militärisch organisiert waren, doch er hatte sich nie dafür interessiert. Wichtig war für ihn immer nur seine Tochter. Alles andere, was sonst passierte, wollte er nicht wissen. Abgestumpft übernahm er die ihm zugeteilten Aufgaben, ohne darüber nachzudenken. Jetzt, als er diese phalanxartige Aufstellung sah, wurde ihm schlagartig bewusst, welche Dimensionen diese fürchterliche Verschwörung schon erreicht hatte. Es gab für sein Verhalten keine Entschuldigung oder Verständnis. In einem Bruchteil von Sekunden liefen ihm die letzten Jahre seines Lebens durch den Kopf. Es waren nicht nur verlorene Wochen und Monate, er hatte vor allem seinen Posten als Leiter der Polizei von Ascona dazu benützt, dass sich Kurow und seine Helfer uneingeschränkt niederlassen und ihre Macht festigen konnten. Und wie viele Verbrechen hatte er gedeckt oder vertuscht. Ein tiefes Brennen aus der Speiseröhre stieg wie so oft in ihm hoch. Seine Magengeschwüre waren bisher die einzigen, die seine rücksichtslose Blindheit bestraften.

„Jetzt Ruodi.“

Lätti reagierte blitzschnell, als Hologo diese Worte heraus gepresst hatte. Er riss die Reißverschlüsse auf und schleuderte die Taschen auf die angreifenden Ratten, die angefangen hatten sich zu teilen. Ein lautes Fauchen begann, als die Tiere aus den Taschen plumpsten. Wie im Rausch stürzten sie sich auf ihre Artgenossen. Wahllos bissen sie in die verschiedenen Körperteile und rissen Fleischfetzen heraus. Ein infernalisches Kreischen setzte ein und ein irrationaler Blutrausch erfasste alle Tiere. Plötzlich lief eine größere Ratte aus einer Gasse hervor und stieß wütende Pfiffe aus. Es war wohl der Anführer. Doch keiner hörte mehr auf die offensichtlichen Kommandos. In diesem bestialischen Getümmel versuchte jeder nur noch zu töten und zu fressen.

Hologo stürmte auf den Anführer zu, der unentschlossen stehen blieb, da die neue Situation ihn sichtlich überrascht hatte. Instinktiv spürte er die Gefahr, drehte sich ruckartig um und wollte zum Sprung ansetzten. Für einen kurzen Augenblick sah Hologo in diese furchtlosen Augen, während er mit voller Kraft zuschlug. Der abgetrennte Kopf rollte den Weg entlang. Plötzlich löste sich eine blutende Ratte aus der fresswütigen Menge und starrte Hologo an. Dann lief sie los, schnappte sich den Kopf und verschwand in einer der Gassen.

„Horatio!“

Mit einem kräftigen Satz sprang Hologo zur Seite, und Lätti schoss sein ganzes Magazin leer. Ohne auf den blutenden und zuckenden Haufen achten, rannte Hologo weiter zur Osteria Dazio. Während er lief, steckte er sein langes Messer zurück und zog drei Wurfmesser aus dem Gürtel. Als er sich nur noch ein paar Meter vor der Osteria befand, stürzten zwei Männer aus der Eingangstür. Sie mussten die schallgedämpften Schüsse wahrgenommen haben. Einer hatte eine Pistole in der Hand und blickt erstaunt auf den heranstürmenden Hologo. Aus dem Lauf heraus warf Hologo zwei Messer. Sie trafen mit voller Wucht die Brust des Mannes mit der Waffe. Mit einem ungläubigen Gesichtausdruck sank er auf die Steinplatten vor der Osteria. Röchelnd versuchte er mit letzter Kraft den Abzugshahn durchzudrücken. Aber Hologo war schneller und schlug ihm die Pistole aus der Hand. Erstarrt stand der andere Mann da. Bevor er reagieren konnte, war Hologo vorgeschnellt und versetzte ihm einen tödlichen Stich mit dem ausgestreckten Zeigefinger. Ohne einen Laut von sich zu geben, fiel er in sich zusammen und blieb regungslos liegen. Hologo blieb neben der Tür stehen und wartete, da man die Geräusche der aufschlagenden Körper sicher in der Osteria hören konnte. Nach ein paar Minuten trat zögernd ein Mann aus der Tür. Unsicher schwenkte er seine Pistole hin und her. Dann sah er die Leichen und geschockt drehte er sich um. Als er Hologo erblickte, riss er seine Waffe hoch. Doch das Wurfmesser durchbohrte schon seinen Hals. Er wollte noch einen Warnschrei ausstoßen, doch nur noch ein Krächzen kam aus seinem Mund. Hologo sprang vor und hielt die Hand mit der Pistole fest. Ohne dass sich ein Schuss lösen konnte, ließ er den Mann auf den Boden gleiten. Anschließend beobachtete er wieder die Tür, doch anscheinend waren die drei Männer die einzigen im Dazio.

Lätti und Baldoni kamen jetzt angerannt. Während Lätti das Magazin wechselte, deutete Baldoni auf einen der toten Männer. „Das ist auch einer von den Russen, jetzt hat Kurow nur noch einen seiner Leibwächter. Aber das ist Pjotr. Er ist der Gefährlichste von allen, und er ist auch für den Professor verantwortlich. Selbst bei den anderen ist er wegen seiner Grausamkeit gefürchtet. Manchmal belohnt ihn Kurow für seine absolute Treue, und er darf an Gefangenen seine perversen Neigungen austoben. Er ist ein sadistisches Schwein, für den jeder normale Tod zu milde ist.“ Baldoni hatte sich so erregt, dass er voller Abscheu auf die Leichen spuckte.

Plötzlich ertönte die Kirchenglocke. Baldoni und Lätti schreckten auf. Hologo stellte sich augenblicklich mit dem Rücken zur Osteria.

„Es ist Mitternacht, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Die Glocke ist so eingestellt, dass sie nur bei Vollmond läutet. Sie schlägt 24 Mal, und der Klang ist in der Nacht bis nach Bignasco zu hören. Es ist das Zeichen, das das Fest beginnt, und alle Beteiligten sind versammelt. Deshalb waren auch nur die drei Männer in der Osteria. Normalerweise wohnen hier ungefähr 20 Personen.“ Baldoni atmete tief durch und entsicherte seine Waffe.

Hologo zog seine Messer aus den Leichen und steckte sie in den Gürtel zurück. Dann nahm er sein Bandschwert und nickte Lätti und Baldoni zu.

Lautlos näherten sie sich dem Haupteingang des Sanatoriums. An dem Fenster neben der Eingangstür blieb Hologo gebückt stehen. „Baldoni, sie gehen vor, und wenn sie drin sind, versuchen Sie dieses Fenster zu öffnen. Von hier aus kann Ruodi uns Deckung geben. Und verstecken sie ihre Hand. Wir werden bald erfahren, ob sie wissen, was in Peccia vorgefallen ist.“

„Hoffen wir, dass wir noch Zeit haben, und,“ durchdringend schaute Baldoni Lätti an, „Sie haben mir etwas versprochen.“

„Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde mich um ihre Tochter kümmern.“

„Ach ja,“ umständlich griff Baldoni in seine innere Jackentasche und holte einen zerknüllten Zettel heraus, „ das ist ein Konto in der Filiale der Credito Svizzero in Locarno. Ich habe es auf den Namen meiner Tochter Mignon eröffnet. Es ist eine größere Summe. Wenn also Therapien oder sonstige Behandlungen für sie notwendig sind, bezahlen Sie alles davon. Nach dem Tod meiner Frau habe ich unser Haus verkauft und den Erlös auf dieses Konto eingezahlt. Sie können beruhigt sein, es ist kein schmutziges Geld.“ Baldonis Gesicht hatte einen fast flehenden Ausdruck angenommen, als er flüsterte und Lätti den Papierfetzen gab.

„Los, Baldoni.“ Hologo drängte jetzt. Er wusste, dass mit jeder Minute der möglich zeitliche Vorteil kleiner wurde.

Baldoni richtete sich auf, steckte seine verletzte Hand in die Hosentasche und verstaute seine Pistole in seinem Schulterhalfter. Er lächelte und machte plötzlich einen gelassenen und zufriedenen Eindruck. Dann gab er sich einen Ruck , ging zur Tür und öffnete sie.

Rattenblut Folge 26