Rattenblut - Folge 24
Montag Juni 11th 2007, 00:15
Abgelegt unter: Fantasy-Romane

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An der geöffneten Beifahrertür blieb er zögernd stehen, als er sah, wie Baldoni und Lätti gebannt zu der Osteria hinblickten. Interessiert drehte sich auch Hologo um. Eine leicht rötliche Flamme fraß sich durch das Haus und setzte die einzelnen Stockwerke in Brand. Die Scheiben der Fenster in den oberen Räumen zersprangen, und durch die Luftzufuhr wurde das Feuer erst richtig entfacht. Gilda war einige Schritte zurückgetreten und warf den Grappa in den Schankraum hinein. Berstend zerbrach die Flasche und der hochprozentige Schnaps vermischte sich mit dem brennenden Benzin. Nach einigen Minuten verbreitete sich in der Osteria Medici ein loderndes Feuer mit explosionsartigen Verpuffungen. Unberührt von der Hitzeentwicklung stand Gilda im grellen Licht auf der Straße. Langsam erlosch das Feuer und ein starker Qualm, der nach verbranntem Fleisch roch, drang aus dem ausgebrannten Haus. Jetzt erst lief Gilda mit brennenden Augen zum Pajero zurück. Es war ihr Abschied von Paolo gewesen. „Mach dir keine Sorgen um mich Vater, ich habe meinen Weg gefunden.“ Dann startete sie den Motor.

Hologo zwängte sich auf den Beifahrersitz und Baldoni fuhr los. Lätti und Gilda folgten. Nach einigen hundert Metern begannen die Serpentinen. Trotz dieser versetzten Fahrweise kamen sie nur langsam voran. Die Sicht war so schlecht, dass man die Fahrbahnränder nur erahnen konnte. Selbst Baldoni, der die Strecke gut kannte, hatte Probleme. An manchen Kurven stieg Hologo aus, da die Biegungen kaum zu sehen waren. Er lief auf der Straßenseite mit den stark abschüssigen Hängen dem Wagen voraus. So tasteten sie sich im Schritttempo die Kehren entlang. Je höher sie kamen um so mehr lichtete sich der Nebel. Auch die Wolkenfelder begannen sich aufzulösen, und sie konnten nun mit fast normaler Geschwindigkeit fahren.

„Da schwenkt jemand eine Taschenlampe.“ Baldoni bremste ab und hielt vor Alfio an, der mitten auf dem Weg stand. Lätti und Gilda stoppten sofort, schalteten ihre Scheinwerfer aus und kamen zu Hologo, der ausgestiegen war.

„Wir haben jetzt 23h, Baldoni und ich fahren als Erste. In ungefähr 20 – 30 Minuten Ruodi, dann Gilda im selben Zeitabstand. Alfio bleibt solange hier und hält mit der Signora telefonischen Kontakt.“

„Nein.“ Alfio hatte sich entschlossen vor Hologo hingestellt. „Ich habe früher für dieses Land gekämpft, und ich werde auch heute für dieses Tal kämpfen. Meine alte Llama hier,“ mit Elan zeigte Alfio auf seine Hosentasche, „habe ich wieder hervor geholt, sie funktioniert noch ausgezeichnet. Diesen spanischen Revolver hat mir die Signora damals geschenkt. Er gehörte ihrem Mann. Zwei Magazine à neun Patronen habe ich noch, und ich bin kein schlechter Schützte. Also?“ Herausfordernd sah Alfio den erstaunten Hologo an.

„Gut, aber Sie fahren mit Gilda. Und Alfio, sagen Sie der Signora und den anderen Bescheid. Was machen die Ratten, Ruodi?“

„Ich glaube, sie sind bald so weit. Die Taschen schlugen während der Fahrt so an die Wände des Kofferraums, als ob sie sich selbst auffressen wollten. Eigentlich hättet ihr den Lärm hören müssen. Aber als ich anhielt, war augenblicklich Ruhe. Irgendetwas spüren diese Mistviecher.“

„Bald werden sie fressen können, und zwar ihre eigenen Artgenossen.“ Hologos Augen blitzten. „ Denkt daran, dass Ihr die Zeitabstände einhaltet. Wir brauchen diesen Vorsprung, um die Wachen auszuschalten. Wir müssen den Kopf der Verschwörung vernichten. Nur das ist das Ziel. Also haltet Euch nicht zu sehr mit dem so genannten Pflegepersonal und den Besuchern auf, außer sie versuchen Euch aufzuhalten. Und noch etwas, wir brauchen den Professor lebend. Ach ja, Ruodi, lass die Ratten erst frei, wenn ich Dir ein Zeichen gebe.“ Aufmunternd schaute Hologo zu Alfio, Gilda und Lätti hin. Dann stieg er wieder ein und Baldoni ließ den Motor an. Langsam fuhren sie die letzte Wegstrecke nach Fusio

„Parken Sie das Auto nachher so ab, dass die Wachen an der Brücke nicht erkennen können, wer neben Ihnen sitzt, und kurbeln Sie das Fenster an Ihrer Seite herunter. Sie gehen vor. Sagen Sie Ihnen, ich hätte etwas im Auto verloren. Verwickeln Sie sie in ein Gespräch und treten nebenbei ein paar Schritte zurück. Wenn die Männer Ihrer Meinung nach gut von mir auszumachen sind, lassen Sie sich auf den Boden fallen.“ Hologo musterte Baldoni eindringlich. „ Sie dürfen nicht eine Sekunde lang zögern!“

„Ja, ja, ich weiß. Ich denke dabei an meine Tochter. Sie können sich auf mich verlassen.“ Erregt begann Baldoni zu schwitzen und seine Hände umklammerten verkrampft das Lenkrad.

Plötzlich lichteten sich die Nebelwolken und verschwommen waren die Steinhäuser von Fusio zu erkennen. „Wir sind gleich da.“ Nervös zeigte Baldoni nach vorne.

Hologo nahm das Gewehr und prüfte nochmals das Zielfernrohr, den Schalldämpfer und den Zylinderverschluß des Handrepetierers. Baldoni öffnete inzwischen das Fenster der Fahrertür und griff nach seiner Pistole.

„Lassen Sie sie stecken. Die Posten dürfen keinen Verdacht schöpfen. Verhalten Sie sich, wie immer. Die ersten Minuten sind jetzt die Wichtigsten.“

Im Schritttempo erreichten sie den Parkplatz, der fast voll besetzt war. Hologo bückte sich nach vorne, als würde er etwas suchen. Auf der Brücke war nur ein Mann zu sehen. Baldoni winkte ihm zu, während er das Auto so abstellte, dass Hologo freie Sicht hatte. Ohne Eile stieg Baldoni aus und schlenderte hinüber. Hoffentlich sieht man mir meinen Hass nicht an, dachte er bei sich und rieb sich die feuchten Hände. Auch bemühte er sich verständnisvoll zu lächeln, als er die Taschen entdeckte.

„Warum kommt Fjodor nicht?“ Argwöhnisch schaute der Russe Baldoni an.

„Er sucht nach seinen Zigaretten, er kommt gleich. Ach, hat man Euch schon erzählt, was in Peccia passiert ist?“ Umständlich griff Baldoni in seine Hosentasche und ging langsam rückwärts.

„Nein.“ Neugierig trat der andere Mann aus dem Schatten des Hauses hervor. Der Nebel hatte sich schon so weit aufgelöst, dass der Vollmond die Gesichter der Männer erhellte. Nur noch einzelne Schwaden zogen durch Fusio und über den Parkplatz.

„Fjodor raucht nicht.“ Wie elektrisiert richtete sich der Russe auf und griff nach seiner Waffe.

Baldoni reagierte sofort und ließ sich fallen. Nur im Unterbewusstsein nahm er war, wie zwei Körper auf die Erde fielen. Die Schüsse selber hatte er gar nicht gehört. Die Nacht hatte die schallgedämpften Geräusche in sich aufgesogen. Mühsam stand er wieder auf und betrachtete die toten Männer. Beide wurden genau in die Stirn getroffen. Der Russe hatte seine Waffe schon in der Hand, doch Hologo war schneller gewesen. Trotz der kühlen Luft war Baldoni schweißnass. Mit zittrigen Händen holte er ein Taschentuch heraus und wischte sich über das Gesicht. Dann versuchte er sein schmerzendes Knie zu massieren, mit dem er hart auf den Boden aufgeschlagen war. „Ich bin zu alt für so etwas, murmelte er vor sich hin, als er die Pistole des Russen an sich nahm.

„Eine Makarow.“ Lautlos hatte sich Hologo genähert. „Das ist der Zweite. Wo sind die anderen normalerweise postiert?“

„Einer ist immer bei solchen Festen bei Kurow, der andere bewacht den Eingang des Sanatoriums. Manchmal steht er auch vor der Osteria Dazio, da jeder Besucher dort vorbei muss. Wo ist eigentlich ihr Gewehr?“

„Ich habe es im Wagen gelassen, Alfio soll uns damit den Rückzug decken. Ich habe ihn schon verständigt. Vorsicht!“ Blitzschnell zog Hologo sein Bandschwert heraus und lief auf die drei Ratten zu, die plötzlich auf der Brücke standen und die Leichen anstarrten. Bevor sie warnende Pfiffe ausstoßen konnten, blitzte und wabbelte die lange Klinge, die scharf war wie ein Rasiermesser, in der Luft. Blutende Köpfe und zuckende Körperteile der Ratten flogen hin und her. Dann schlug Hologo mit mehreren Hieben die Taschen durch, bis sich darin nichts mehr bewegte. Ruhig und konzentriert stand er da, doch niemand schien etwas gehört oder bemerkt zu haben. Fast gleichgültig steckte er anschließend sein Schwert in die Scheide zurück.

Baldoni war wie erstarrt. Entsetzt und gleichzeitig fasziniert hatte er zu gesehen. Angewidert ließ er seine Blicke über die toten Männer und die Leichenteile der Ratten schweifen. Und plötzlich war er überzeugt davon. Sie konnten es schaffen, und seine Tochter hätte wieder eine Chance normal zu leben. Ein Glücksgefühl durchströmte ihn, wie er es lange nicht mehr erlebt hatte. Aus einer vagen Hoffnung war eine reale Möglichkeit geworden. Euphorisch und bewundernd schaute er Hologo an, der ärgerlich zum Parkplatz hinzeigte. Lätti und Gilda kamen hintereinander angefahren und stoppten neben dem Wagen von Baldoni. Ziemlich erregt stieg Lätti aus und lief zu Hologo und Baldoni.

„Nuntio hat mich angerufen. Als er von Mario abgeholt wurde, ist noch ein Auto mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Fusio an ihnen vorbeigefahren. Wie viele Personen darin saßen, konnte er nicht erkennen. Aber, da sie an der Osteria Medici in Peccia vorbei müssen, werden sie unverzüglich ihre Leute hier informieren. Wir haben also nicht mehr den zeitlichen Vorteil, von dem wir ausgegangen waren. Deshalb sind wir zusammen gekommen.“ Interessiert fixierte Lätti die am Boden liegenden Körper. „Ich sehe, alles läuft nach Plan.“

„Es ist jetzt 23.30h, beeilen wir uns. Ruodi, Du holst die Taschen. Gilda und Alfio postieren sich gegenüber hinter dem Holzstapel an der anderen Seite des Parkplatzes. Sie können von dort den Platz bis zur Brücke hier überblicken. Beide bleiben dort und sichern unseren Rückzug. Alfio soll mein Gewehr nicht vergessen und es benützen.“

Lätti rannte zurück. Gilda und Alfio standen neben dem Pajero, und Lätti erklärte ihnen kurz die neue Situation. Hologo presste die Lippen aufeinander, da Gilda anscheinend Lätti nur flüchtig zuhörte. Regungslos blickte sie nur noch auf Fusio, während Alfio das Gewehr aus dem Auto holte. Widerwillig folgte sie ihm. Lätti öffnete unterdessen den Kofferraum holte die zwei Taschen heraus. Außer einem Pfiff, waren die Ratten gefährlich ruhig. Vorsichtig trug Lätti sie zu Hologo und Baldoni. Auf der Brücke fingen sie an, fast lautlos zu zischen. Wahrscheinlich hatten sie das Blut der anderen gerochen.

„Ruodi, Baldoni und ich gehen vor, da er die Örtlichkeiten kennt. Du bleibst einige Meter hinter uns, aber Du musst uns immer sehen können.“ Hologo strich sorgfältig mit den Händen über seine verschiedenen Messer und sah Baldoni an, der seine Pistole gezogen hatte. „Nicht zu früh schießen, je später sie uns entdecken, umso besser sind unsere Chancen.“ Aufmunternd schaute er noch einmal Lätti und Baldoni an. „Los.“

Rattenblut Folge 25