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Er musste nun schnell handeln, da die Männer in wenigen Minuten den Toten sahen, der auf der Straße lag. Automatisch verstaute er sein langes Messer wieder in der innen liegenden Scheide und wickelte die Lederschlaufe um sein Handgelenk. Das Telefon ließ er auf dem Tisch liegen. Lätti hatte noch immer nicht das heranschießende Auto bemerkt. Auch konnte Hologo sehen, dass er seine Pistole wieder� eingesteckt hatte. Ohne auf Lätti und den Pajero zu achten, lief er hinaus und stellte sich in die Mitte der Fahrbahn. Mit blockierten Bremsen rutschte der Wagen auf ihn zu. Bevor der Wagen zum Stillstand kam, öffnete sich die Beifahrertür und ein Mann sprang mit gezogener Pistole heraus. In einem Abstand von etwa zwei Metern� blieb er vor Hologo stehen. Er blickte weder zu der Leiche noch zu Lätti. Sein Blick war starr auf Hologo gerichtet.
Ein Profi, durchzuckte es Hologo. Auch die Waffe sah nach einer Makarow aus. Dieser Russe war nicht einfach auszuschalten. Hoffentlich machte Lätti keine Fehler und versuchte irgendwelche übereilten Aktionen. Angespannt konzentrierte sich Hologo ganz auf diesen höchst gefährlichen Mann. Er nahm nur aus den Augenwinkeln wahr, dass der Fahrer auch ausstieg.
„Lätti, lassen Sie das!“
„Commissario!“ Lätti zog die Hand wieder zurück, als der die Pistole sah, die Baldoni auf ihn richtete.
„Kommen Sie langsam näher. Und versuchen Sie nicht mehr ihre Waffe zu ziehen. Ich muss Sie sonst erschießen.“ Süffisant lächelnd drehte Baldoni den Kopf zu Hologo hin. „Das ist wohl Ihr Pajero, der da kommt. Wahrscheinlich fährt ihn die Tochter des Taxifahrers, die Sie begleitet. Machen Sie keine Dummheiten und winken Sie sie heran.“ Drohend schwenkte Baldoni seine Pistole hin und her.
Hologo rührte sich nicht, er fixierte ausschließlich den Mann vor ihm.
„Lätti, dann machen Sie das.“ Wütend schoss Baldoni in die Luft.
Verunsichert gab Lätti Gilda ein Zeichen, die den Wagen gestoppt hatte.
Einige Minuten vergingen. Dann startete Gilda den Motor, fuhr aber noch nicht los. Misstrauisch blickte Baldoni zu dem Pajero hin und hob argwöhnisch seine Pistole.
Plötzlich heulte der Motor auf und der Wagen wurde wie ein Geschoss nach vorne katapultiert, dann wieder so stark abgebremst, dass Gilda Mühe hatte, ihn in der Spur zu halten. Gleichzeitig fiel im Auto ein Schuss und die Windschutzscheibe zersplitterte.
Das war die Chance, auf die Hologo gewartet hatte. Der Mann vor ihm war kurz abgelenkt und hatte auf den Pajero geblickt. Aus dem Stand sprang Hologo direkt auf ihn zu. Mit der linken Hand schlug er den Arm mit der Waffe zur Seite, während er sein Messer zog. Ein Schuss aus der Makarow steifte noch seinen linken Oberarm, als er ihn mit einem wuchtigen Stoss in den Hals tötete. Mit einem erstaunten Blick sackte er zusammen, und es gab ein knackendes Geräusch, als sein Kopf auf der Straße aufschlug. Hologo hatte sich sofort umgedreht und lief geduckt um das Auto herum.
„Stehen bleiben!“ Baldoni schrie fassungslos auf, als er bemerkte, dass auch Lätti auf ihn zu- rannte. Völlig außer sich richtete er die Pistole auf Lätti, dann auf Hologo. Schließlich geriet er so in Panik, dass er sie sich an die Schläfe hielt. Doch bevor er abdrücken konnte versetzte ihm Hologo mit dem ausgestreckten Zeigefinger in einem bestimmten Teil des Körpers einen Stich und innerhalb einer Sekunde lag er gelähmt am Boden.
„Ist er tot?“ Angewidert sah Lätti auf Baldoni hinunter.
„Nein, ich habe ihn nur paralysiert. Wir brauchen ihn lebend. Er soll uns einige Informationen über Fusio verraten.“
„Horatio, bist Du verletzt?“ Weder Lätti noch Horatio hatten bemerkt, dass Gilda ausgestiegen war und neben ihnen stand.
„Nur ein Streifschuß. Sieht immer schlimmer aus, als es tatsächlich ist. Vielleicht kannst Du mir aus der Autoapotheke ein Pflaster holen. Und wie ist es mit Dir, haben Dich die Splitter getroffen?“
„Nein, ich habe nur ein paar Abschürfungen am linken Oberarm.“
„Gilda,“ ziemlich betroffen sah sich Lätti den Arm von Gilda an. „Bring die Pistole mit, ich möchte die Waffe überprüfen. Es ist noch nie vorgekommen, dass sich bei diesem Modell versehentlich ein Schuss gelöst hat.“
„Ruodi, es hat sich kein Schuss gelöst.“ Bewundernd nickte Hologo Gilda zu. „Sie hat damit einen winzigen Bruchteil lang die Reaktion des Mannes verzögert. Das war die Chance, die ich brauchte, um ihn zu überwältigen.“
Ungläubig schüttelte Lätti den Kopf. „ Dieser Satz mit dem Messer, und wie Baldoni nach diesem Schlag blitzartig umfiel, sind das Techniken von Kalari?“
„Ja, der Kampf mit dem Kurzschwert gehört zu den mittleren Disziplinen. Die höchste Form ist der Kampf mit der Hand. Man kann den Gegner töten oder lähmen, aber nur wenige Eingeweihte kennen diese Energiezentren.“
„Also wenn ich es selbst nicht gesehen hätte,“ beeindruckt sah Lätti Hologo an, „jetzt verstehe ich, warum Du keine Pistole hast.“
Hologo hatte es nun eilig. Der Nebel wurde immer dichter. In einer Stunde konnte man� kaum noch die Strasse erkennen. Und diese Serpentinen nach Fusio waren bei diesen Bedingungen sehr gefährlich.
„Ruodi, wir schaffen die Leichen in das Lokal. Gilda, hole das Pflaster und bringe den Reservekanister mit.“
Hologo und Lätti ergriffen die toten Männer. Ohne große Mühe schleiften sie sie in den ebenerdig liegenden Schankraum.
„Hallo, hallo, meldet Euch,“ ungeduldig tönte die Stimme von Alfio aus dem Mobiltelefon.
„Es läuft alles nach Plan.“ Hologo erklärte in Stichworten, was passiert war. „Ist noch jemand unterwegs?“
„Nein, man sieht fast nichts mehr.“
„Hören Sie Alfio, wir fahren in etwa zwanzig Minuten los. Und wenn Sie Motorengeräusche hören oder unsere Scheinwerfer sehen können, gehen Sie auf die Straße und schalten Ihre Taschenlampe ein.“
„Ist gut, ich habe alles verstanden. Bis gleich.“
„War das Alfio?“ Gilda war hereingekommen und stellte den Benzinkanister und die Autoapotheke vor Hologo auf den Tisch. Ohne auf die herumliegenden Männer zu achten, ging sie zur Theke und suchte sorgfältig eine Flasche aus. „Das ist das Richtige.“ Sie öffnete die Flasche und nahm einen Schluck. Dann kam sie zu Hologo zurück, der seine Jacke ausgezogen hatte. „Das ist eine Tessiner Spezialität, ein Grappa nostrana, herb und scharf. Man kann ihn trinken oder Wunden damit desinfizieren. Es wird ziemlich brennen, aber es hilft. Ich weiß das von Paolo.“
Hologo zuckte zusammen, als Gilda schwungvoll etwas Grappa über die Verletzung leerte. Anschließend klebte sie fachmännisch ein Pflaster darüber.
„Gilda.“ Hologo zog seine Jacke wieder an und holte den Ring aus der Tasche. „Gehörte er Paolo?“
„Ja.“ Liebevoll steifte sie ihn über ihren kleinen Finger und lächelte Hologo schmerzlich an. „Diesen Ring hat er niemals abgelegt. Er ist zwar nicht sehr wertvoll, aber er war ein Geschenk von mir. Siehst Du das G hier? Ich habe ihn bei einem Trödlermarkt in Locarno gekauft. Er ist also tot.“ Ihre Stimme hatte einen harten Klang bekommen. Unvermittelt drehte sie sich um und wollte zur Hintertür gehen. Lätti sprang sofort vor und hielt sie fest.
„Bitte lass mich, ich möchte ihn sehen.“ Ihre Augen blitzten, während sie sich zu befreien versuchte. „Ich werde es aushalten.“
„Gilda, Lätti hat Recht, es ist kein schöner Anblick. Behalte ihn so im Gedächtnis, wie Du ihn zuletzt gesehen hast. Geh mit Ruodi zu Baldoni und wartet auf mich.“ Hologo hatte� den Verschluss des Benzinkanisters entfernt und blickte aufmunternd zu Gilda hin, die immer noch zögerte und auf die Tür blickte. Doch dann drehte sie sich um und verließ mit Lätti wortlos den Raum.
Hologo schaute durch das Fenster. Die Sicht wurde immer schlechter. Es war höchste Zeit, dass sie losfuhren. Er nahm den Kanister, riss die Hintertür auf, rannte die Treppe hinauf und ging in das Zimmer, wo er die angenagte Leiche von Paolo gefunden hatte. Er schüttete einen Teil des Benzins darüber. Dann ging er langsam rückwärts die Treppe hinunter und durch den Gang ins Lokal Dabei hielt er den Kanister so, dass sich eine Benzinspur bis zur Eingangstür bildete. Während sich die Flüssigkeit verteilte, holte er sein Wurfmesser, das noch mit der Ratte in der Hintertür steckte. Nachdem er das Blut an der Jacke des toten Mannes abgeputzt hatte, lief er in den Schankraum zurück und öffnete einige Fenster. Die feuchte Luft des Nebels vermischte sich nun mit dem Gestank der verwesenden Leichen, und ein anderer, fast modriger Geruch machte sich in dem Raum breit. Überrascht stand Hologo da und atmete tief durch die Nase ein. Die hereinziehenden Nebelschwaden legten sich wie Leichendecken über die Toten und erzeugten ein trügerisches Bild von Frieden und Ruhe. Es die Stille eines Friedhofes, durchzuckte es ihn. Er war so in Gedanken versunken, dass er nicht bemerkt hatte, dass Gilda an der Tür stand. Sie hatte ein Feuerzeug und die Flasche Grappa in der Hand.
„Horatio, ich möchte es selbst tun, es ist sein Begräbnis, und es würde mir helfen, so von Paolo Abschied zu nehmen.“ Mit traurigen Augen, aber ohne Tränen, sah sie Hologo an.
„Du wirst nicht nach hinten gehen?“
„Nein, ich verspreche es Dir, Horatio.“
„Gut, warte bis ich Dir ein Zeichen gebe, ich möchte vorher Baldoni noch einige Fragen stellen.“ Hologo warf noch einmal einen Blick auf diese irreale Szenerie, bevor er zu Gilda ging. Sanft strich er ihr mit der Hand über den Kopf, sah sie kurz an und ging hinaus.