Rattenblut - Folge 20
Sonntag Mai 13th 2007, 23:28
Abgelegt unter: Fantasy-Romane

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„Horatio, ich habe das Gewehr wieder hier verstaut. Versonnen deutete Gilda auf den Röhrenkoffer. Dieser andere Köcher innen, mit der Lederkordel, steckt darin dieses Bandschwert?“

„Ja, die Kordel ist an beiden Enden befestigt So kann ich den Köcher über die Schulter hängen, ohne mich mit dem Schwert zu verletzen.“

„Dieses Gewehr,“ Lätti blickte Hologo unmissverständlich an, „ist sicher ein spezielles Gewehr, wahrscheinlich ein Scharfschützengewehr. Warum hast Du dann zuerst das Mobiltelefon zerstört und nicht diesen Carlo gleich erschossen?“

„Nun, ich habe nur durch einen zufälligen Blick durch das Fenster das Taxi gesehen. Als Carlo ausstieg, zog ich schnell das Gewehr aus dem Koffer und habe es geladen. Um das Zielfernrohr anzubringen blieb keine Zeit mehr, da Carlo anfing zu telefonieren. Glaube mir,“ lässig verzog Hologo die Mundwinkeln, „ ich hatte auf seinen Kopf gezielt.“

Lätti wirkte erleichtert. „Na ja, ich dachte schon, Du weißt schon, ich habe nur gefragt, weil ich gezögert hatte.“

„Gilda hat ja unsere Fehler korrigiert. Aber es dürfen keine mehr passieren, die Konsequenzen wären tödlich für uns und für die Menschen hier.“

„Was ist das eigentlich für eine Präzisionswaffe?“ Interessiert sah Lätti auf den Koffer.

„Das ist eine Sniper KS III. Sie wurde von der deutschen Firma Keppeler & Fritz hergestellt. Sie ist ein Repetierer mit Zylinderverschluß und ihre Schaftlänge ist in der Länge verstellbar. Auch ein Zweibein lässt sich leicht montieren und wieder abnehmen. Ich benutze hier das Standardkaliber 308 Winchester mit einer Magazinkapazität von fünf Patronen. Man kann sie aber auch für Hochrasanzgeschosse haben, wie etwa für die 300 Winchester Magnums. Außerdem lässt sie sich in kleine Teile zerlegen, was für mich absolut notwendig ist. Wie Du selbst gesehen hast, Ruodi, beginnt die Treffgenauigkeit erst ab etwa 100 Metern. Mit einem Zielfernrohr liegt die angestrebte Schußentfernung sogar bei 300 Metern. Sie ist für mich die richtige Waffe, da sie mit dem Bandschwert zusammen genau in diese Röhre passt.“

„Da kommt Mario.“ Gilda trat zur Seite, als der Leichenwagen vor dem Taxi hielt. Ruhig stieg Mario aus und öffnete die Hecktür. Alfio und Nuncio, die neben einem Sarg halb liegend saßen, quälten sich heraus.

Hologo winkte ihn zu. „Mario, Sie haben sicher ein Straßenkarte von hier. Bringen Sie sie her.“

Mario suchte kurz im Handschuhfach, dann hatte er eine gefunden. Sie war ziemlich zerknittert, und er legte sie auf den Boden, um sie zu glätten.

„Sehen wir uns die Karte an.“ Hologo ging in die Hocke, während die anderen sich vorbeugten. “Hier ist Bignasco, da Peccia und dort Fusio. Alfio wird einen Beobachtungsposten zwischen Peccia und Fusio einnehmen, Nuncio zwischen Bignasco und Peccia. Mario kann beide mit seinem Leichenwagen unauffällig absetzen, da die Leute an seine Fahrten gewöhnt sind. Wir warten, bis Mario zurück ist.“ Monoton und doch eindringlich führte Hologo aus, was er, Lätti und Gilda vorhatten. „Es ist also unbedingt notwendig, dass Alfio und Nuntio jeden einzelnen Wagen, der nach Peccia fährt, egal aus welcher Richtung, uns sofort melden. Mario wird hier bei der Signora warten. Gilda, hast Du das Mobiltelefon von Paolo dabei?“

„Es ist in meinem Rucksack.“

„Wir haben auch alle eines.“ Mario grinste. „Onkel Alfio haben wir im Glauben gelassen, wir wüssten nichts von seinem Mobiltelefon. Nicht wahr, Nuncio?“

„Ja, wir wollten, „ Nuntio fing wieder an zu stottern und schielte immer wieder zum Taxi hin.

„Gut, tauschen wir jetzt die Nummern aus.“ Hologo versuchte nun die Aktion zu beschleunigen. „Wenn wir in Peccia sind, werden wir Euch anrufen, die Freisprechfunktion einschalten und die Leitung stehen lassen. Also nicht abschalten. Alfio wird mit mir verbunden sein, Lätti mit Nuntio, bis die Angelegenheit in Peccia beendet ist. Die Signora oder Mario werden mit Gilda so lange Kontakt halten. Mario, bringen Sie jetzt Alfio und Nuntio schnell zu ihren Plätzen. Wir haben wenig Zeit. Und vergessen Sie nicht die Leichen im Taxi.“

„Komm Nuntio, hilf mir. Wir werden die zwei übereinander in den Sarg legen. Ich habe das schon einmal gemacht.“

Nuntio wurde leichenblass und folgte Mario. Er würgte zwar, als sie den Sarg öffneten und die Männer hinein legten, aber er übergab sich nicht wie das letzte Mal. Als der Deckel wieder geschlossen war, legten sich Alfio und Nuntio so neben den Sarg hin, dass sie von außen nicht zu sehen waren. Mario wischte noch einige Tropfen Blut an der hinteren Stoßstange ab, dann schlug er die Hecktür zu.

„Wir sind so weit. Nach Peccia sind es von hier ungefähr 8 – 9 Kilometer, nach Fusio etwa 17. Da die Straße steil ansteigt, werde ich in etwa 45 Minuten zurück sein, wenn ich nicht aufgehalten werde.“ Mario bekreuzigte sich und stieg ein.

Hologo schaute auf seine Armbanduhr. „Länger als 45 Minuten können wir nicht warten. Auch wenn Mario dann noch nicht hier ist, werden wir wie geplant zu der Osteria Medici fahren. Überprüfen wir in der Zwischenzeit nochmals unsere Waffen.“

Lätti holte seine zweite Pistole mit den Reservemagazinen aus dem Handschuhfach seines Wagens und gab sie Gilda. Während er ihr die Handhabung ausführlich zeigte, zog Hologo den Ledergürtel mit den Wurmessern fest, so dass er sich bei keiner noch so schnellen Bewegung lösen konnte. Die Lederschlinge des langen Messers ließ er über die rechte Hosentasche hängen. So war es ihm möglich, sie blitzartig über das Handgelenk zu ziehen. Dann öffnete er den Koffer, den Gilda abgestellt hatte. Sorgfältig schraubte er auf das Gewehr das Zielfernrohr, stellte die Schaftlänge ein und lud das Magazin. Dann legte er an, ließ langsam das Gewehr kreisen und fixierte bestimmte Stellen auf dem Parkplatz. Zufrieden ging er zum Wagen von Lätti und legte das Gewehr und den Koffer auf den Rücksitz. Nachdenklich schlenderte er zu Lätti und Gilda zurück.

„Horatio, warum benützt Du eigentlich keine Pistole?“ Neugierig schaute ihn Lätti an.

„Er braucht keine, das liegt an seiner Art zu kämpfen.“ Voller Respekt antwortete Gilda an Stelle von Hologo. „ Du wirst es bald selbst erleben, er beherrscht die Kunst des Kalari.“

„Kalari? Von dieser Kampftechnik habe ich noch nie gehört.“

„Gilda kann es Dir später erklären.“ Ungeduldig beobachtete Hologo die herabziehenden Wolkenfelder. In einigen Stunden würde die Straße nach Peccia schwer passierbar sein. Die Verbindung nach Fusio lag sicher schon im dichten Nebel. Sie konnten nicht länger auf Mario warten.

„Hologo!“ Völlig außer Atem kam die Signora auf den Parkplatz gerannt und steckte Hologo ihr eingeschaltetes Mobiltelefon hin.

„Ja?“

„Ich bin es, Mario. Ich schaffe es nicht in 45 Minuten. Die Sicht ist sehr schlecht. In Richtung Fusio konnte ich nur im Schritttempo fahren. Alfio und Nuntio habe ich abgesetzt. Gerade bin ich an der Osteria Medici vorbeigekommen. Ein Wagen hat direkt vor dem Eingang angehalten. Ein Mann ist in die Osteria gegangen, der andere blieb im Wagen. Sonst war kein Verkehr auf den Straßen. Und bei diesen Sichtverhältnissen fährt auch der kleine Postbus nur bis Cevio. Ich habe vor ein paar Minuten in der Zentrale in Maggia angerufen. Ihr habt also die ganze Straße für Euch. Verdammt!“

Hologo hörte ein scharfes Quietschen der Bremsen, dann ein schnelles Atmen. „Mario, ist alles in Ordnung?“

„Ja, alles ok. Aber beinahe wäre ich in einer Kurve geradeaus gefahren. Eigentlich kenne ich jeden Baum, jeden Busch und jede Biegung an dieser Strecke. Aber bei dieser Wetterlage sieht alles ganz anders aus. Man muss höllisch aufpassen. Und erfahrungsgemäß wird dieser Hochnebel bis morgen früh anhalten.“

„Danke, Mario.“ Mit zusammengekniffenen Augen gab Hologo der Signora das Telefon zurück. In kurzen Worten unterrichtete er Lätti und Gilda über das Gespräch mit Mario.

„Auch wenn die Fahrt gefährlich wird, ist diese Wetterlage für uns günstig, oder?“ Es klang zwar wie eine Frage, doch Gilda erwartete keine Antwort. Bedächtig nahm sie die zweite Pistole von Lätti und steckte sie in ihre Jackentasche. „Ich hole noch mein Mobiltelefon und folge Euch in 30 Minuten.“

„Wartet!“ Mit einem stolzen Ausdruck in den Augen umarmte Signora zuerst Gilda, dann Lätti und zuletzt Hologo. „Wir haben uns früher immer vor einer gefährlichen Mission so verabschiedet, da man nie wusste, wer wieder zurückkam. Ich werde für Euch beten.“

Sichtlich gerührt blickte Lätti die Signora an.

„Ruodi, gehen wir.“ Hologo gab Lätti ein Zeichen mit der Hand, und beide stiegen in den Wagen.

Als sie den Parkplatz verließen winkte Hologo der Signora und Gilda noch einmal zu.

Mit aufgeblendeten Scheinwerfern fuhr Lätti vorsichtig die Straße entlang. Nach etwa einem Kilometer wurde die Sicht immer schlechter. Die Fahrbahnränder waren kaum noch zu sehen, und die abfallenden Bergwände links und rechts konnte man nur noch erahnen. Mit 30 Stundenkilometern schlichen sie die Straße entlang. Plötzlich sahen sie einen Lichtstrahl. Lätti bremste und blendete ab. Wie aus dem Nichts tauchte der Leichenwagen von Mario auf. Sofort hielt Lätti an. Auch Mario stoppte und stieg aus. Ziemlich erregt schaute er hin und her, während Lätti die Fahrertür öffnete.

„Ich habe versucht Euch zu erreichen, doch Euer Telefon ist noch nicht eingeschaltet.“ Vorwurfsvoll schaute er Lätti und Hologo an. „Bei Broglio, das sind nur ein paar Häuser, hat mich ein Auto fast gerammt. Es kam aus Eurer Richtung, und es fuhr trotz diesen Bedingungen ziemlich schnell.“

„Wie weit ist Broglio von Peccia entfernt?“ Fast teilnahmslos stellte Hologo diese Frage.

„Das sind nur ein oder zwei Kilometer, allerdings ist da eine scharfe Kurve, da bin ich vorhin auch beinahe in den Graben gefahren.“

„Es ist gut, dass Sie uns das noch mitteilen konnten. Danke Mario. Fahren sie jetzt weiter zur Signora und warten Sie dort.“ Hologo nickte und winkte Mario zu.

Dann startete Lätti wieder den Motor und sie fuhren weiter. „Was hältst Du davon, Horatio?“

„Wenn jemand bei diesen Sichtverhältnissen mit diesem Tempo fährt, hat er einen triftigen Grund. Die Serpentinen nach Fusio sind bei diesem Wetter überhaupt nicht mit einer höheren Geschwindigkeit zu bewältigen. Die wollen also nur nach Peccia. Und warum so eilig?“ Genüsslich lehnte sich Hologo zurück. „Die Ratten, die sie bei sich haben, müssen gefüttert werden. Sie sind ausgehungert. Das Wetter hat den Zeitplan durcheinander gebracht.“

„Meinst Du?“ Lätti drehte den Kopf Hologo zu und ließ beinahe das Steuer los.

„Ruodi, konzentriere Dich auf die Straße. Das müssten die Häuser von Broglio sein, von denen Mario gesprochen hatte. Jetzt ist es nicht mehr weit nach Peccia.“

„Achtung!“ Lätti bremste so abrupt ab, dass Hologo fast an die Windschutzscheibe flog. Vor ihnen sahen sie zwei Scheinwerfer, die in Richtung des rechten Berghanges leuchteten. Vorsichtig ließ Lätti den Wagen ausrollen. Ein Auto hatte sich überschlagen und lag in einem Graben auf dem Dach. Ein Mann stand blutend daneben, der andere versuchte sich durch die verklemmte Fahrertür zu zwängen.

Fast pedantisch langsam befestigte Hologo die heraushängende Lederschlinge an seinem Handgelenk. „Das sind sie!“

Rattenblut Folge 21