Rattenblut - Folge 2
Sonntag Dezember 17th 2006, 10:34
Abgelegt unter: Fantasy-Romane

„Anhalten!“

Der Fahrer bremste so stark, daß der Wagen leicht ins Schleudern kam. Hologo riss die Tür auf und sprang hinaus, bevor das Taxi zum Stehen kam. Er lief auf den Hügel zu. Einige Meter vor den Ratten stoppte er. Sie hatten sich überhaupt nicht bewegt. Sie starrten ihn nur regungslos an. Als Hologo in diese schimmernden und völlig furchtlosen Augen blickte, wurde ihm blitzartig klar, daß hier Unheimliches im Gange war. Er sah das Böse, das Dämonische, und er sah etwas, was er nicht erklären konnte und ihn trotz angenehmer Temperatur frösteln ließ.

Dann stieß die größte Ratte diesen nicht so schrillen Pfiff aus, den er auf dem Monte Verita schon gehört hatte. Beide drehten sich um verschwanden lautlos im Unterholz des Hügels.

Er war sich jetzt ganz sicher, es musste das Signal zu Rückzug für die anderen sein. Sie waren nicht zu sehen, aber sie waren da.

„Was war denn das?“

Der Fahrer schüttelte aufgeregt die Schultern, als Hologo wieder zurück war.

„Das war ja eklig, die sahen aus wie riesengroße Ratten.“

Ohne etwas zu sagen stieg Hologo ins Taxi.

„ Jetzt ins Hotel Castello.“

„Ach, ich habe fast mein Gepäck vergessen. Wir müssen zuerst zum Bahnhof nach Locarno zurück. Es liegt dort in einem Schließfach.

„Ich habe mich schon gewundert.“

Der Taxifahrer startete den Motor.

Sie fuhren weiter nach Ascona hinunter und bogen dann in die Straße nach Locarno ein.

„Das ist der Maggia. Er liegt genau zwischen Locarno und Ascona.“

Sie überquerten die Brücke, und man sah schon die ersten Häuser von Locarno.

„Und wo liegt das Valle Maggia?“

„Sehen Sie das Hinweisschild auf dem der Ort Maggia steht?“

„Ja.“

„Da beginnt das Tal. Dort haben sich auch die Unfälle ereignet.“

Sichtlich froh über die Ablenkung, beschleunigte der Fahrer den Wagen.

Hologo überlegte. Die Ratten zeigten sich ganz bewusst. Aber warum? Sollte es eine Warnung sein? Oder wollten sie herausfinden, ob er als möglicher Gegner ernst zu nehmen war? Ein verrückter Gedanke,

„Wir sind da.“

„Könnten Sie, während ich mein Gepäck hole, im Castello anrufen und ein Zimmer bestellen?“

„Mit Blick auf den See?“

„Wenn es möglich ist.“

Der Fahrer griff nach seinem Mobiltelefon.

Hologo stieg aus und ging schnell in den Bahnhof zu den Schließfächern. Als er den Bahnhof wieder verließ, ging er langsamer und beobachtete den kleinen Platz und die parkenden Taxen. Es fiel ihm nichts Ungewöhnliches auf.

„Ich habe ein herrliches Zimmer für Sie bestellt. Das Gespräch berechne ich Ihnen nicht.“

„Danke.“

Hologo legte seinen Reisetrolley und eine längliche schmale Reisetasche aus Leder in den geöffneten Kofferraum.

Locarno war die Endstation. Von hier aus konnte man Ascona nur mit dem Bus oder mit dem Taxi erreichen. Alle Reisenden, die mit dem Zug ankommen, steigen hier aus. Nachdenklich setzte er sich in den Wagen. Wenn man hier kontrollierte, wer ankam, war er wahrscheinlich auch schon registriert. Aber wer sollte hier kontrollieren? Die Ratten etwa? Eine fantastische, unglaubliche Vorstellung!

„Können wir fahren?“

Das Taxi fuhr in einen Innenhof und hielt vor dem Haupteingang des Castello.

„Wir sind da.“

Hologo bezahlte.

„Können Sie mir Ihre Mobilnummer geben, vielleicht brauche ich Sie noch einmal?“

„Hier, meine Karte.“ Der Fahrer zögerte.

„Wenn ich an diese Unfälle und an den Brand beim Professor denke, also das ist schon eigenartig. Die Cousine meiner Schwester war einmal in der Woche beim Professor und hat sauber gemacht, und manchmal hat sie auch Einkäufe erledigt. Ich kann Ihnen die Adresse aufschreiben. Sie wohnt in Losone, wir sind da gerade durchgefahren. Es ist die Nachbargemeinde von Ascona.“

„Warum erzählen Sie mir das?“

„Na ja, als ich sah, wie Sie vor den Ratten standen, da hatte ich den Eindruck, also wie soll ich sagen, Sie waren plötzlich wie umgewandelt; Sie sahen aus, wie soll ich sagen, ja wie ein Krieger .Und ich denke, könnte ja sein, daß Sie nicht an einen Unfall beim Professor glauben. Vielleicht weiß die Cousine etwas über seine Arbeiten im Labor.“

„Schreiben Sie die Adresse auf die Visitenkarte.“

„Sie heißt Lara, sagen Sie nur, Sie kommen vom Taxifahrer Paolo, Herr.“

„Hologo. Danke.“

Der Fahrer schrieb die Adresse auf die Visitenkarte und stieg aus.

„Hier, ich hole noch Ihr Gepäck.“

Während das Taxi wegfuhr, ging Hologo durch den Eingang zur Rezeption.

„Es wurde ein Zimmer für mich bestellt, telefonisch, für Horatio Hologo.“

„Einen Augenblick bitte!“

Der junge Mann sollte ab und zu an die frische Luft gehen, dachte Hologo. Er hatte selten eine so fahle Gesichtsfarbe gesehen.

„Es ist erst vor einer Stunde gebucht worden. Sie haben Zimmer 8 mit Blick auf den See. Würden Sie sich eintragen. Ich lasse inzwischen Ihr Gepäck auf das Zimmer bringen.“

Hologo füllte die Anmeldung aus.

„Hallo, darf ich Sie in unserem Hause begrüßen und Ihnen einen angenehmen Aufenthalt wünschen. Ich bin der Geschäftsführer, mein Name ist Culocca. Wenn Sie Fragen oder Wünsche haben, wenn Sie etwas brauchen, wenden Sie sich an mich.“

Routiniert und professionell trat der Geschäftsführer näher und verneigte sich leicht.

„Hologo, Horatio Hologo.“

Culocca nahm das ausgefüllte Formular in die Hand.

Auch er sah eigenartig blass aus.

Hologo musterte die dünnen, spinnenartigen Finger, die das Formular hielten.

„Sie sind Reisejournalist? Ascona mit seiner wundervollen Altstadt, der See, die herrlichen Täler und die vielen malerischen Dörfer sind sicherlich für einen Reisejournalisten hoch interessant. Sie entschuldigen mich, ich muss neue Gäste begrüßen. Es sind Stammgäste.“

Er gab dem jungen Mann an der Rezeption das Formular und entfernte sich, wieder leicht verneigend.

„Was hatten Sie denn für ein Wetter in den letzten Wochen?“

„Es war sonnig. Nur wenige Tage war es bewölkt. Die Temperaturen lagen so zwischen 20 und 25 Grad. Wir haben meistens dieses Wetter im Monat Mai. Hier haben Sie Ihre Karte, um die Tür des Zimmers zu öffnen. Sie kennen sicher dieses Prinzip!“

„Ja, ich kenne es.“

„Ihr Zimmer liegt im ersten Stock. Der Aufzug ist gleich neben der Treppe, die sie natürlich auch benutzen können. Frühstück gibt es von 7.30 bis 10.30. Wir haben auch ein ausgezeichnetes Restaurant, wenn Sie hier essen wollen.“

Hologo nahm die Zimmerkarte und ging zur Treppe. Am Hoteleingang wartete der Geschäftsführer auf eine ältere Dame, die einen Katzenkorb in der Hand hielt. Ein bedeutend jüngerer Mann stand noch am Taxi. Mit einem verhaltenen Lächeln beobachtete Hologo die Szene.

„Culocca, schön daß ich Sie wieder sehe, ich bin so froh wieder hier zu sein. Ach, das ist mein neuer Sekretär Mario. Halten Sie mal, ich muss noch das Taxi bezahlen.“

Sie hielt den Katzenkorb Culocca hin.

Plötzlich fing die Katze an zu fauchen. Sie versuchte den Kopf durch das Gitter zu schieben. Das Fauchen wurde immer lauter, sie schrie fast. Die Haare des Fells sträubten sich, sie wurde immer aggressiver.

„ Ruhig, ruhig; was ist denn los? Entschuldigen Sie Herr Culocca, das hat sie noch nie gemacht. Sie kennen doch meine Molli, und sie kennt doch Sie. Jedes Jahr, wenn ich Ihr Haus besuche, begleitet sie mich!“

Die ältere Dame konnte sich kaum beruhigen. Sie nahm der Korb und ging zum Taxi.

„ Sie haben wie immer Zimmer 24. Ich kümmere mich um das Gepäck und bereite die Anmeldung vor,“ rief Culocca ihr nach.

Culocca drehte sich um. Die ganze professionelle Freundlichkeit war aus dem Gesicht verschwunden. Die Augen funkelten, und der Blick war starr.

Warum hatte sich die Katze so aggressiv verhalten? Nachdenklich ging Hologo die Treppe hinauf.

Das war keine Aggression, das klang eher wie Angst. Nein, durchzuckte es ihn, es war blankes Entsetzen. Aber warum? Hatte er etwas nicht bemerkt? Es waren nur Culocca, der junge Mann, er und natürlich die ältere Dame mit ihrer Katze im Foyer.

Ein Professor, der tot ist, bevor er mit ihm reden konnte, eine tote Katze voller übler Bisswunden, Ratten, die sich strategisch verhielten, unerklärliche Unfälle, ein totes Mädchen mit Bisswunden und eine Katze, die bei einer Person, die sie kannte, in Panik geriet.

Sein Instinkt hatte ihn noch nie getäuscht. Diese verschiedenen Ereignisse hingen irgendwie zusammen. Aber wie? Wo oder wer war das zentrale Bindeglied?

Im Zimmer angekommen, holte er sein Mobiltelefon aus der Jackentasche und ging zum Fenster .Während er eine Nummer wählte, öffnete er das Fenster.

Die letzten Sonnenstrahlen ließen den See in verschiedenen Blautönen glänzen, die Uferpromenade war voller Leben, und die Cafes waren gut besucht.

Diese Postkartenidylle war so perfekt, daß sie fast irreal wirkte. Er wusste, Schönheit und Tod bildeten oft eine Einheit. Die Schönheit hatte er vor Augen, den Tod hatte er schon gesehen.

„Hallo!“

„Horatio.“

„Wo bist Du?“

„Ich bin in Ascona, im Hotel Castello del Sole.“

„Hast Du mit Professor Ludowski gesprochen?“

Hologo berichtete in kurzen Sätzen, was passiert war.

„Was für ein Gefühl hast Du, Horatio?“

„Ich glaube, daß hier etwas Unheimliches vorgeht, und der Professor damit zu tun hatte. Sind die Angaben über meinen Wohnort sicher?“

„Absolut, sie halten jeder Überprüfung stand.“

„Habt ihr einen Biologen in Eurem Kreis?“

Der Kreis bestand aus Wissenschaftlern, die über nicht erklärbare Phänomene diskutierten und nach Erklärungen suchten. Sie kamen alle aus verschiedenen Fachbereichen.

„Ja.“

„Ich brauche Informationen über Ratten, Eigenschaften,Verhalten, Aussehen usw.“

„Rufe mich morgen um 17 Uhr an. Und Horatio, sei vorsichtig.“

„ Sicher, bis morgen Hagen.“

Er schloss das Fenster und ging zu seinem Gepäck. Auf den ersten Blick schien alles in Ordnung zu sein, niemand hatte versucht es zu öffnen. Aus seiner Reisetasche holte er ein langes Messer, das in einer ledernen Scheide steckte. Die 30 cm lange Klinge war beidseitig geschliffen und aus einem speziell gehärteten Stahl. Durch den Bambusholzgriff war eine dünne Lederleine gezogen. Die Knoten waren so angeordnet, daß der Umfang der Leine vergrößert oder verkleinert werden konnte. Die Messerscheide hatte eine Schlaufe, um sie am Gürtel befestigen zu können. Es war eine lautlose tödliche Waffe.

Hologo zog den Gürtel so durch die Schlaufe, daß die Messerscheide innerhalb der Hose steckte. Nur der Griff ragte heraus. Er ging ins Bad und überprüfte im Spiegel, ob unter seiner Jacke die herabhängende Leine herausragte. Es war nichts zu sehen.

Ich werde mich bei Baldoni erst Morgen melden, beschloss er und ging zurück ins Zimmer. Er musste sich jetzt unbedingt mit den Straßen und Plätzen Asconas vertraut machen. Auch wollte er sich in den nächsten Tagen das Valle Maggia ansehen, vor allem die Orte, in denen sich diese Unfälle ereignet hatten.

In einer Wohnung in der Altstadt von Ascona wählte ein Mann eine Telefonnummer.

„Ja?“

Immer wenn er diese Stimme hörte, fing der Mann an zu frieren. Sie hatte eine sehr hohe, harte Frequenz und klang völlig leblos.

„Ich wollte Ihnen nur mitteilen, vielleicht ist es auch gar nicht wichtig, es wollte jemand den Professor besuchen.“

„Was wissen Sie über ihn?“

„Nicht viel, angeblich ein privater Besuch. Er heißt Hologo, wohnt im Castello und soll Reisejournalist sein!“

„Überprüfen Sie ihn! Haben Sie die andere Sache vorbereitet?“

„Ich habe alles organisiert.“

„In zwei Tagen haben wir Vollmond. Sie warten auf meinen Anruf!“

Rattenblut Folge 3