Rattenblut - Folge 19
Sonntag Mai 06th 2007, 18:05
Abgelegt unter: Fantasy-Romane
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„Danke Hagen.“

„Horatio, hat diese Stadt etwas mit dieser Sache zu tun?“

Bedächtig legte Hologo sein Mobiltelefon auf den Tisch und drückte die Taste für die Freisprechfunktion.

„Sie ist wahrscheinlich der zentrale Ausgangspunkt für die Entwicklung hier.“ In knappen Worten erklärte Hologo die Gemeinsamkeiten der involvierten Personen. „Und Hagen, ich bin nicht allein.“

Voller Anspannung hörten Gilda und Lätti zu, wie Hologo voller Sachlichkeit die aktuelle Lage schilderte.

„Vertraust Du diesen Leuten?“

„Ja.“

„Wenn ich Dich richtig verstanden habe, ist jetzt der Zeitpunkt der entscheidenden Aktionen gekommen. Ich werde Dir durch meine Verbindungen versuchen, politische und polizeiliche Deckung zu verschaffen. Und Horatio, zögere nicht mich anzurufen, wenn Du Hilfe benötigst. Denke vor allem an die Personen, die Dich unterstützen.“

„Ich werde Dich in zwei Tagen anrufen und Dich über den Verlauf informieren.“

„Und wenn ich nichts von Dir höre?“

„Dann Hagen, musst Du jemanden anderen schicken.“ Mit einem schiefen Lächeln schaltete Hologo das Telefon aus.

„Astrachan, schon der Ort klingt wie eine Verschwörung.“ Gilda schaute versonnen in den Raum. „Alles war also lange geplant. Aber wieso sind sie gerade hierher gekommen?“

„Hier waren die besten Voraussetzungen.“ Lätti lehnte sich zurück. „ Ascona und Locarno sind Städte, die auch in Russland sehr bekannt sind. Viele vermögende Ausländer haben sich hier niedergelassen und viel Geld mitgebracht. Eine russische Gräfin, ein Professor oder ein Doktor, der eine Klinik betreiben will, werden gesellschaftlich begeistert aufgenommen. Sie sind das exotische Element der neuen Bevölkerungsstruktur, von dem diese mondänen und eleganten Orte profitieren. Und das sind die Bedingungen, die notwendig sind, um so eine gewaltige Sache im Verborgenen durchzuführen. Bis jemand bemerkt, was sich tatsächlich abspielt, ist es längst zu spät. Ich glaube, der Professor war nur der wissenschaftlich interessierte Forscher. Er war sich gar nicht bewusst, auf was er sich da eingelassen hatte. Als ihm die ganze Tragweite seiner Versuche klar wurde, hat er in Freiburg angerufen. Aber da waren seine Versuche schon außer Kontrolle geraten. Die eigentliche Machtergreifung, das heißt die Transformationen, war schon im vollen Gange. Glaubst Du, Horatio, daß wir sie wirklich stoppen können?“

„Wir müssen sie aufhalten, auch wenn es viele Opfer geben wird. Denn Ascona und das Tal ist erst der Anfang. Von hier aus werden sie sich über das ganze Land ausbreiten und es rücksichtslos übernehmen. Auch die Landesgrenzen werden kein Hindernis sein. Machtbesessenheit und Gier treiben sie an. Sie werden niemals aufhören. Also müssen sie mit aller Konsequenz und mit allen Mittel, die zu Verfügung stehen, vernichtet werden. Es gibt keine Alternative. Ruodi, hast Du eigentlich für Deine Pistole einen Schalldämpfer dabei?“

Lätti richtete sich bei dem abrupten Themawechsel überrascht auf. „Natürlich, allerdings nur einen.“

„Gut, ich gehe nur kurz auf das Zimmer, um etwas zu holen. Du könntest ja inzwischen Deine andere Waffe Gilda erklären.“ Während Hologo den Raum durch die hintere Tür verließ, stand Lätti auf, um die andere Pistole aus dem Wagen zu holen.

Als Lätti die Wagentür öffnen wollte, fuhr ein Taxi langsam heran und stoppte genau vor ihm. Gebannt starrte er auf den Flyer mit dem abgebildeten Vogel, der an der linken oberen Seite der Frontscheibe angebracht war. Die zwei Männer schienen unentschlossen zu sein, da der eine immer wieder auf die zwei Taschen zeigte, die auf dem Rücksitz lagen. Eiskalt lief es Lätti nun den Rücken hinunter. Das war wohl das Taxi von Gildas Vater Paolo. Langsam drehte er sich zur so Seite, daß nicht zu sehen war, wie er nach seiner Pistole griff.

Mit einem Ruck wurde plötzlich die Tür aufgerissen und der Fahrer stieg aus.

„Carlo!“ wütend schrie Gilda auf. Sie hatte das Taxi durch das Fenster gesehen und war auf die Straße hinaus gestürzt. „Was ist mit meinem Vater passiert?“

Mit einem hässlichen Lachen zog Carlo sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. „ Er wollte sich uns nicht anschließen. Und wer nicht zu uns hält ist gegen uns. Paolo war eine herrliche Delikatesse für unsere Freunde.“ Voller Hohn wählte er eine Nummer. „Ich bin es, Carlo, ich habe sie gefunden. Sie sind hier in“………

Das Mobiltelefon und das halbe Ohr von Carlo flogen einige Meter nach hinten. Entsetzt drückte er seine Hand auf den blutigen Ohrlappen. Dann splitterte die Frontscheibe, und der Mann dahinter sank in sich zusammen. Lätti hatte sofort seine Waffe gezogen und ließ irritiert die Augen über die Straße bis zu dem Albergo Posta schweifen. An einem geöffneten Fenster stand Hologo und hielt ein Gewehr mit aufgesetztem Schalldämpfer in der Hand.

„Ihr könnt uns nicht aufhalten, wir werden Euch alle töten, und für Dich Gilda haben wir etwas ganz Besonderes vorgesehen!“ Höhnisch hatte Carlo sich Gilda zu gewandt. Das durch die Finger laufende schwarz-rote Blut verzerrte das bleiche Gesicht zu einer dämonischen Maske. „ Auch ihr,“ Carlo war außer sich vor Wut und drehte sich schreiend im Kreis und hielt seine blutverschmierte Hand hoch, „ ihr alle müsst für meine toten Freunde büßen. Wir werden euch alle töten und meinen Gefährten zum Fraß vorwerfen. Hört ihr?“

Verwirrt über diesen emotionalen Ausbruch voller Hass, hatte Lätti nicht bemerkt, wie Gilda auf ihn zurannte. Erst als sie ihm die Pistole entrissen hatte, reagierte er.

„Nein Gilda, nicht!“ Aber es schon war zu spät.

Mit schnellen Schritten stand sie vor Carlo und starrte ihn an. „Für Paolo.“ Dann hob sie die Waffe und drückte ab. Mehrere Kugeln zerfetzten den Oberkörper von Carlo und schleuderten ihn nach hinten auf den Boden. Mit unbewegtem Gesichtsausdruck betrachtete sie einige Minuten die Leiche, bevor sie zu Lätti zurück ging und ihm die Pistole gab. „Ich musste es einfach tun, entschuldige.“

Erstaunt und gleichzeitig bewundernd sah Lätti Gilda an, während Hologo auf die Straße stürmte und auf das Taxi zulief.

„Gilda, die Signora soll Alfio anrufen, Ruodi, wir müssen Carlo in den Kofferraum legen und das Auto auf dem Parkplatz abstellen.“ Ohne auf die Geschehnisse einzugehen, gab Hologo seine Anordnungen. Nachdem sie Carlo wie ein Gepäckstück verstaut hatten, öffnete Hologo die Fahrertür. Ein ohrenbetäubendes Kreischen aus den Taschen schlug ihnen entgegen. Die Ratten rochen den Toten, und sie spürten die Gefahr. „Ich glaube, die sind noch nicht gefüttert worden. Das ist gut, Wir werden sie nach Peccia mitnehmen.“ „ Ich werde fahren.“

Dankbar sah Lätti ihn an. An diese Situationen musste er sich erst noch gewöhnen. Er zögerte einen Augenblick, dann ging auch er zu seinem Wagen und folgte Hologo auf den Parkplatz. Er parkte genau neben dem Pajero und ging zu Hologo, der bei der Signora stand.

„Ich dachte, wir transportieren die Taschen mit den Ratten in meinem Wagen, da der Pajero sicher schon bekannt ist.“

Anerkennend nickte Hologo. Lätti war nicht nur ein hervorragender Analytiker, er konnte sich auch augenblicklich mit neuen Sachlagen vertraut machen und deren notwendige Abläufe erkennen.

„Alfio wird gleich kommen und, “ mit ernster Mine schaute die Signora Lätti an, „ zögern sie nicht mehr zu schießen, verstehen Sie.“

„Nein, natürlich, „stotterte Lätti und spürte, wie er dabei errötete.

„Ah, da ist die Signorina.“

Gilda kam aus der Hintertür und hatte das röhrenartige Gepäckstück von Hologo in der Hand. Die Signora ging auf sie zu, sah ihr in die Augen und strich ihr mit dem rechten Zeigefinger über den Kopf.

„Du hast nicht geweint, mein Kind.. Ich kenne das. Es kommt immer einmal der Zeitpunkt, auch wenn die Trauer noch so groß ist, daß man keine Tränen mehr hat. Ich habe es Dir angesehen, nachdem Du geschossen hattest. Deine Augen und Deine Haltung waren verändert. Du hast zum ersten Mal getötet, und Du warst ruhig und fast emotionslos dabei. Wenn dies alles vorbei ist, dann gehe mit Hologo. Das ist Deine Berufung, eine Kriegerin wie Hologo zu werden.“ Die Signora ergriff die rechte Hand von Gilda, führte sie an ihre Lippen, sah sie noch einmal an und ging in das Haus zurück.

Betroffen blickte Lätti der Signora nach. Sie hatte in wenigen Worten die Entwicklung von Gilda charakterisiert.

„Ruodi, augenblicklich wurde Lätti aus seinen Gedanken gerissen, „ öffne den Kofferraum, ich werde die Taschen holen.“

Die Ratten kreischten nicht mehr, sie zischten und sprangen in den Taschen so wild hin und her, daß Hologo sie kaum halten konnte. Lätti war atmete erleichtert auf, als er den Kofferraum wieder abgeschlossen hatte.

„So wie ich gedacht habe, die Ratten sind ziemlich ausgehungert. Die Innenseiten der Taschen müssen aus starkem Material sein, sonst wären sie jetzt durchgebissen, und,“ Hologo schaute Lätti eindringlich an, „wie die Signora sagte, zögere nicht mehr, oft gibt es keine zweite Chance.“

Lätti wusste, was Hologo ihm damit sagen wollte. Er würde nicht nur sich selbst gefährden, es könnte unter Umständen die ganze Aktion scheitern.

„Horatio, ich mache einen Fehler nur einmal.“

„Ruodi, kann ich jetzt die andere Waffe haben?“ Gilda war mit dem Röhrenkoffer zu ihnen getreten und hörte sich regungslos die Geräusche aus dem Kofferraum an. „In ein paar Stunden werde sie alles fressen und anfallen. Also Horatio, erkläre uns, wie wir vorgehen wollen.“

„Wir müssen zuerst nach Peccia zu der Osteria Medici. Ich fahre mit Lätti und den Ratten vor. Gilda nimmt den Pajero und folgt uns im Abstand von einer halben Stunde. In dieser Zeit haben Lätti und ich die dort verbliebenen Männer eliminiert. Außerdem müssen wir Posten aufstellen, die uns in der Osteria informieren, wenn neue Wagen sich der Osteria nähern. Das wird die Aufgabe von Alfio und seinen Neffen sein. Die Signora ist die zentrale telefonische Verbindung für alle. Alles was wir tun, wo wir uns befinden, oder wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, werden ihr gemeldet. So können sich alle Beteiligten bei ihr über die aktuellen Ereignisse informieren. Nach Peccia gehen wir dann nach Fusio.“

Rattenblut Folge 20