Rattenblut - Folge 16
Sonntag März 25th 2007, 18:00
Abgelegt unter: Fantasy-Romane
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„Signore, hier ist Mario, der Bestatter.“ Mit einer aufmunternden Bewegung schickte die Signora einen hinkenden Mann zu Hologo und Gilda.

„Sie wollten etwas über die Straße nach Fusio wissen.“

Hologo konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Wie die meisten Bewohner des Tales kam er ohne Umschweife zur Sache. „Setzten wir uns. Gilda, beobachten Sie weiterhin die Straße. Ich möchte wissen, welche und wie viele Wagen hier in Richtung Fusio durchfahren.“

Gilda blickte auf Mario, dann nickte sie wortlos mit dem Kopf und drehte sich wieder zum Fenster hin.

„Wann waren Sie das letzte Mal in Fusio?“

„Vor genau 4 Wochen.“

Hologo schaute ihn aufmerksam an. Mario hatte so schnell und präzise geantwortet, daß er anscheinend überhaupt nicht darüber nachdenken musste.

„Wieso sind Sie so sicher?“

„Weil auch Vollmond war. Und da war wieder viel Verkehr nach Fusio. Die Straße ist eng und führt in Serpentinen steil nach oben. Wenn man hochfährt, hat man meistens eine flach ansteigende Bergwand an der Seite. Den Schutz hat man beim Herunterfahren nicht. Da geht es direkt von der Straße ein paar hundert Meter tief hinunter. Und sehen Sie, kurz vor Fusio war ein Unfall. Ein Auto wollte einer Kuh ausweichen, die auf der Straße stand. Der Fahrer hatte sich wohl verschätzt, und das Auto stürzte in die Tiefe. Da niemand überlebt hatte, wurde ich gerufen. Es gab drei Tote.“

„Wer hat Sie denn verständigt?“

„Das war der Fahrer des kleinen Postbusses. Wir haben so eine kleine Abmachung. Die Straße ist sehr gefährlich, und es kann dort immer zu Unfällen kommen. Und wenn dann ein Auto abstürzt, überlebt selten jemand. Ich war sogar vor dem Arzt und den Beamten der Polizeiaußenstelle Cevio da.“

„Wie viele Personen waren denn im Auto?“

„Zwei. Sie lagen neben ihrem Auto in einer Kurve weiter unten. Wenn sie angeschnallt gewesen wären, hätten sie eine Überlebenschance gehabt. Daß sie tot waren, hab ich sofort gesehen. Wissen Sie, wenn man diesen Beruf so viele Jahre ausgeübt hat, bekommt man einen Blick für so etwas. Ich konnte sie aber nicht gleich abtransportieren, da ich warten musste, bis der Arzt sie freigegeben hatte.“

„Ist Ihnen irgendetwas Merkwürdiges aufgefallen?“

„Na ja. Es war ein Mietwagen, und die Polizei hat an Hand der Personalausweise festgestellt, daß die zwei Männer aus Bellinzona stammten. Jeder der beiden hatte einen Führerschein und einen Kraftfahrschein dabei. Also hatten beide ein Auto. Wieso mussten sie dann eines mieten? Sollte niemand wissen, wohin sie gefahren sind? Und als ich sie in den Sarg legte…“

„In einen Sarg?“ fragend sah Hologo Mario an.

„Mhm,“ Mario räusperte sich verlegen, „ich hatte nur einen Zinksarg dabei, und da habe ich sie einfach übereinander gelegt, die Köpfe immer jeweils zwischen die Füße, so passten sie gut rein. Hier ging es besonders gut, weil die Körper so eine flaschenartige Form hatten. Oben dünn und unten wurden sie dicker. Natürlich habe ich sie später in zwei normale Särge umgebettet.“

„Was ist mit ihnen dann passiert?“

„Das war auch komisch. Einer der Polizisten von Cevio rief mich an und teilte mir mit, daß die Leichen von Verwandten und einem anderen Unternehmen abgeholt würden. Die kamen schon nach ein paar Stunden und hatten eine amtliche Genehmigung dabei. Bezahlt für die Bergung haben sie auch sofort. Und, wie gesagt, ich bin schon so lange in diesem Gewerbe tätig, daß ich einen Berufskollegen erkenne. Aber diejenigen, die die Leichen abgeholt hatten, waren weder Verwandte noch Beerdigungsunternehmer. Außerdem sahen sie genauso komisch aus, und jetzt raten Sie mal, wohin sie gefahren sind? Nach Fusio. Der Fahrer des Postbusses hat sie nämlich gesehen. Warum werden Leute, die in Bellinzona wohnen, nach Fusio gefahren? Da gibt es keinen Friedhof.“

Hologo war nicht sonderlich überrascht. Mario hatte ihm nur seine Vermutungen bestätigt. Viele entscheidende Positionen waren anscheinend schon infiltriert. Offensichtlich auch die Polizeistation von Cevio. Nur, warum hatten sie die Leichen nach Fusio gebracht?

„Aber ich sollte Ihnen ja Fusio und die Straße erklären. Sehen Sie, ich habe hier eine kleine Skizze gemacht.“ Sichtlich erfreut darüber, daß er diesmal nicht als Bestatter sondern als Fremdenführer gefragt war, zog Mario ein Blatt Papier aus der Tasche und legte es auf den Tisch. „Ich habe Ihnen die Straße von Peccia nach Fusio mit all den derzeitigen Ausweichstellen eingezeichnet.“

Konzentriert beugte sich Hologo vor, um sich alle markanten Punkte einzuprägen.

„Die eigentliche Straße endet hier an diesem Parkplatz. Von hier führt über eine Brücke ein gepflasterter, unebener Weg in den Ort hinein. Bis auf einen alten Schmuggelpfad am anderen Ortsende, ist das der einzige Zugang zum Ort, da die Steinhäuser versetzt auf einer Art Plateau stehen, das dann schroff nach unten abfällt. An der hinteren Seite des Parkplatzes gibt es noch einen schmalen, befestigten Weg zum Sambuco Stausee. Das Wasser, das bei Bedarf abgelassen wird, fließt hier unter der Brücke durch.“ Zufrieden lehnte sich Mario zurück.

„Wird die Brücke bewacht?“

„Also, als ich auf dem Parkplatz gewendet habe, wegen dieses Unfalls, standen da diese merkwürdigen Männer mit Reisetaschen. Die sahen genauso aus wie die im Auto.“

„Diese abfallenden Hänge, sind die bewachsen?“

„Mit einzelnen Bäumen und mit Büschen. Aber man kann sie von den Häusern gut überblicken. Zumindest am Tage.“ Neugierig sah Mario Hologo an. „Es wird schwierig sein, ungesehen in den Ort zu kommen. Gut, am Parkplatz, oder an der kleinen Straße zum See kann man sich verstecken, aber Sie müssten trotzdem über die Brücke gehen.“

„Gibt es kurz vor dem Ort eine Ausweichstelle, von der man auf die heraufführende Straße sehen kann?“

„Ja, etwa 100m vor Fusio. Und genau oberhalb dieser Stelle liegt am Hang ein Stapel von gefällten Bäumen. Es ist nicht nur ein gutes Versteck, man hat auch eine ausgezeichnete Sicht auf die Serpentinen, vorausgesetzt das Wetter ist gut. Aber im Augenblick sieht es so aus, als ob tiefe Wolken über Fusio und der Straße liegen.“

„Danke Mario. Ach, ich möchte Sie noch um etwas bitten.“

„Ja?“

„Könnten Sie jetzt nach Peccia fahren und in der Osteria Medici eine Kaffee trinken. Sie sind natürlich eingeladen. Dann kommen Sie sofort zurück und erzählen mir, was Sie gesehen haben.“

„Signore, auch ohne die Anordnung von Onkel Alfio würde ich Ihnen helfen. Fabio war auch mein Freund. Ich werde mit meinem Leichenwagen hinfahren, der ist überall bekannt. Es wird aussehen, als mache ich während meiner Arbeit nur eine kleine Pause.“

Nachdem Mario gegangen war, kam die Signora an den Tisch und gab Hologo zwei Telefonnummern.“ Signore, keiner weiß, daß Alfio und ich ein Mobiltelefon haben.“ Sie errötete dabei wie ein junges Mädchen. „Vielleicht liegt das an unserer Vergangenheit, ein kleines Geheimnis brauchen wir immer noch.“

„Horatio, da sind sie wieder!“

„Entschuldigen Sie, Signora.“ Hologo stieß den Stuhl nach hinten und eilte zu Gilda an das Fenster. Es war das Auto mit den zwei Männern, die die Straße und den Parkplatz des Hotels abgesucht hatten. Langsam fuhren sie an der Eingangstür vorbei. Anscheinend wussten Sie nun genau, nach was sie suchen mussten. Hologo reagierte automatisch.“ Gilda, Sie bleiben hier und beobachten weiter die Straße. Signora, Alfio soll sofort hierher kommen. Ich gehe nach hinten und warte auf die beiden Männer.“ Ohne eine Antwort abzuwarten lief Hologo zur Hintertür auf den Parkplatz hinaus. Er duckte sich hinter den Pajero und zog mit der rechten Hand sein größeres Messer aus der Scheide. Nach einigen Minuten fuhr der Wagen in den Parkplatz und hielt vor dem Pajero. Hologo musste schnell handeln. Er sprang hervor und riss mit der linken Hand die Fahrertür auf. Sein rechter Arm schnellte vor und stieß dem Beifahrer sein Messer in die Kehle. Mit einem erstickten Schrei ließ dieser sein Mobiltelefon fallen. Blitzschnell zog Hologo dann den Arm zurück und schlitzte dabei dem Fahrer den Hals auf. Lautlos sank er nach vorne auf das Lenkrad. In den zwei Taschen, die auf der Rückbank lagen, begann nun ein ohrenbetäubendes Kreischen. Hologo öffnete eine der hinteren Türen und rammte sein Messer mehrmals durch die Taschen, bis kein Geräusch mehr zu hören war und Blut aus den Taschen floss.

„Hallo, hallo, meldet Euch, habt ihr das Auto gefunden?

Hologo hörte kurz zu, dann zertrümmerte er das Mobiltelefon. Offensichtlich hatte er die Männer getötet, bevor sie Informationen weitergeben konnten.

„Signore,“ bedächtig näherte sich die Signora und bekreuzigte sich. „Alfio und einer seiner Vettern kommen sofort. Ich habe ihnen gesagt, daß sie noch einmal zwei Leichen wegbringen müssen.“

Fragend schaute Hologo sie an.

„Signore, ich habe Ihre Augen gesehen, als Sie zur Tür liefen. Da wusste ich, was passieren würde. Ach, da ist Alfio.“

Quietschend bog ein Lieferwagen um die Ecke und stoppte vor dem Auto der toten Männer. Alfio und ein junger Mann stiegen aus. Während der junge Mann die Seitentür nach hinten schob, blickte Alfio in den mit Blut voll gespritzten Innenraum des Autos. Ohne ein Wort zu sagen, hob er den Kopf und sah Hologo respektvoll an. „Wir werden die Leichen, die Taschen sowie den Wagen unverzüglich beseitigen.“

Während Hologo und die Signora zurück in das Lokal gingen, übergab sich der junge Mann.

„Nuncio ist das nicht so gewöhnt wie Mario,“ entschuldigte die Signora den Vetter.

Gilda stand noch am Fenster. Sie hatte sich nicht von der Stelle gerührt. „Ich nehme an, daß keine Gefahr mehr von den Männern droht.“

„Nein, Signorina, Auge um Auge, Zahn um Zahn, so wie es in der Bibel steht.“ Mit traurigen Augen ging die Signora zu dem Kruzifix an der Wand und fing an zu beten.

„Horatio, vor der Eingangstür hält ein Wagen und ein Mann steigt aus. Er ist gleich hier.“

Mit ernstem Gesicht betrat Lätti den Raum. „ Hallo, Hologo.“ Verdutzt sah er Gilda an. „ Ist das Ihre Begleiterin?“

„Ja.“ Nachdem Hologo Gilda und Lätti miteinander bekannt gemacht hatte, setzten sie sich zusammen an einen Tisch.

„Hologo, ich habe einen Freund in der Abteilung, die die Überreste von dem Professor und seinem Gehilfen untersucht haben. Er hatte kaum Zeit die Knochen zu untersuchen. Commissario Baldoni hat einfach den Fall abgeschlossen. Aber, Lätti sprach jetzt leiser, mein Freund sagt, was er auf den ersten Blick gesehen hatte, waren das die Knochen eines alten und eines jungen Mannes. Verstehen Sie? “

Rattenblut Folge 17