Rattenblut - Folge 12
Sonntag Februar 25th 2007, 13:34
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Angespannt wartete er einige Minuten, aber nichts war aus den anderen Zimmern zu hören. Keine Tür öffnete sich, niemand schien sich für die Geräusche auf dem Gang zu interessieren. Auch die andere Ratte, die in das Haus lief, war verschwunden. Mit einem Ruck zog er sein Wurmesser aus dem Arm des Mädchens und steckte es in seinen Gürtel zurück. Dann schleppte er sie die Treppe hinunter. Auf dem Parkplatz legte er das Mädchen zu den anderen toten Männern. Während er die anderen Messer wieder einsammelte und reinigte, beobachtete er die Umgegend. Aber alles blieb unverändert. Kein Licht war aus den anliegenden Häusern zu sehen. Kein Einwohner zeigte sich am Fenster, obwohl sich der Kampf nicht lautlos abgespielt hatte. Die Angst hatte wohl den ganzen Ort gelähmt. Was in der Nacht passierte, wurde von den Bewohnern tot geschwiegen. Bis auf Fabio, und der konnte nichts mehr davon weiter erzählen.

Hologo sah sich um. Weiter hinten grenzte eine kleine Mauer an den Parkplatz. Entschlossen packte er die zwei Männer am Arm und schleifte sie zu der Mauer. Auch das Mädchen und die tote Ratte brachte er dahin. Anschließend warf er alle Körper auf die andere Seite und deckte sie mit Zweigen und Steinen zu. Das musste genügen, bis Lätti kam.

Dann ging er zurück, nahm die Tasche und legte den Kopf von Fabio hinein. Nun musste er den Körper suchen. Ein kalter Zorn stieg in ihm hoch, als er den Parkplatz verließ. Langsam ging er die Straße bis zum Ortsende hinunter. Er lief genau in der Mitte, so konnte er aus den Augenwinkeln beide Straßenseiten überblicken. Eine Ratte durchstreifte noch immer den Ort. Sie war eine tödliche Gefahr, wenn sie nicht vernichtet wurde. Aber woher kam das Mädchen, wenn es eines war, und wie ist sie in das Hotel gekommen? Warum hatte der Mann vor seinem Tod so eigenartig gegrinst. Welche abartigen Transformationen werden hier durchgeführt? Oder sind es Experimente, die außer Kontrolle geraten sind? Hatte dies der Professor ihm mitteilen wollen? Sollte er Gilda nicht an einen sicheren Ort bringen? In wie weit konnte er Lätti einbeziehen? Waren doch diese Dinge zu phantastisch, um sie mit einem real denkenden Verstand zu begreifen.

Radikal verdrängte Hologo diese neuen Fragen. Sie würden ihn nur ablenken und seine Handlungsfähigkeit schwächen. Er konzentrierte sich wieder auf die jetzige Situation.

Ohne daß etwas passierte, erreichte er das letzte Haus. Hinter dem Ortsschild, neben einem Graben, stand ein Wagen auf der Straße. Vorsichtig näherte er sich ihm. Er war leer. Auf dem Rücksitz lag die andere Tasche. Ohne Zweifel gehörte dieses Auto den Männern. Vor dem rechten Vorderreifen entdeckte er dunkle Tropfen einer Flüssigkeit. Schnell vergewisserte er sich, ob ein Auto oder ein Bus die Straße entlang fuhr. Doch es war nichts zu sehen. Mit zwei Schritten stand er am Graben.

Inmitten einer Blutlache lag der Rumpf von Fabio. Als er den zerfetzten Hals untersuchte, erinnerte er sich an den schrecklichen Schrei. Da wurde Fabio wohl von den Ratten angesprungen. Und er war nicht das erste Opfer. Dieses Mädchen aus Peccia, wie auch die Leute aus der Osteria Medici, hatten ähnliche Bisswunden.

Behutsam legte er den Kopf von Fabio eng an das Halsende des Körpers. So war der Anblick der Leiche nicht ganz so grässlich, wenn sie gefunden wurde. Doch die Natur ließ sich nicht aufhalten. Ihre Totengräber machten sich ans Werk. Hologo sah in dem matten Licht der Straßenlaterne, wie sich die ersten Würmer in die zerfledderten Halsöffnungen bohrten. Auch die rot-gelben Aaskäfer prüften mit ihren keulenartigen Fühler, was sich als Nahrung eignete. Sie krochen in die Ohren, in die Nasenlöcher und versuchten Teile der Augäpfel heraus zu beißen. Hier zeigte sich im fahlen Licht der Kreislauf von Leben und Tod. Die verwesende Leiche bedeutete für viele Kleintiere nicht nur eine Möglichkeit zu überleben, sie war auch nützlich für die Fortpflanzung Es war der ideale Nährboden für Larven und Maden. Nichts ungewöhnliches, wäre Fabio normal gestorben.

Hologo kniff die Lippen zusammen. Er konnte sich die offizielle Version schon vorstellen. Wieder wurde ein Einwohner von Bignasco das Opfer von streunenden Hunden. Um den Schein zu wahren, fand eine kleine Untersuchung statt. Dann war der Fall abgeschlossen. So spielte es sich auch bei dem Professor und den anderen so genannten Unfällen ab. Dies war aber nur möglich, wenn entsprechende amtliche Positionen von Leuten besetzt waren, die dazu gehörten. Aber wozu gehörten sie? Offensichtlich war das Ausmaß der Infiltration größer, als er angenommen hatte.

Wenn Du ein Netzt zerstören willst, musst Du den suchen, der die Fäden zusammen hält. Lachend hatte sein Meister es ihm an einem Spinnennetz demonstriert. Er entfernte die Spinne. Siehst Du, alle, die noch im Netz hängen, können sich befeien oder werden sterben. Das Netz beginnt nach und nach löcherig zu werden, und irgendwann wird es ganz verschwunden sein. Nichts wird zurück bleiben, und nach einer gewissen Zeit hat man vergessen, daß es je existiert hat. Finde die Alpha-Person und vernichte sie.

Hologo war überzeugt davon, daß in Fusio die Fäden zusammenliefen. Aber wer war die Spinne? Welches geniale Hirn hatte diese verheerende Verbindung von Mensch und Ratte geschaffen? Dieser Dr. Kurow, der Leiter des Sanatoriums, war Russe. Der Professor hatte auch einen russischen Namen, Ludowski, und er besuchte öfters Fusio. Das war kein Zufall, beide kannten sich. Vielleicht hatten die Experimente des Professors sogar mit den Ratten zu tun?

Er unterbrach seine Überlegungen. Die Männer würden sicher gesucht werden, wenn sie nicht zurückkommen. Also musste er das Auto wegfahren und irgendwo verstecken. Dabei konnte Gilda ihm helfen. Er durfte keine Zeit verlieren. Schnell lief er zum Hotel zurück. Für Fabio konnte er sowie so nichts mehr tun.

Die Tür des Hintereingangs war noch halb offen. Hologo blieb stehen und prüfte die Blutlachen. Keine Abdrücke von Füßen oder Krallen der anderen Ratte waren zu sehen. Und doch hatte spürte er, daß sie in der Nähe war.

Die bleierne Stille, die sich über den Ort ausgebreitet hatte, verschluckte jedes noch so kleines Geräusch. Der Hauch des Todes zog nun durch die Gassen, und nach dieser Nacht würde Bignasco nie mehr derselbe Ort sein, der er gewesen war. Die Angst und das Misstrauen der Menschen wird größer werden. In der fröhlichen und heiteren Lebensart, für die die Einwohner des Tales und der einzelnen Orte bekannt waren, steckte nun der Stachel des Schreckens, des Unfassbaren. Hologo wusste, daß das Gefühl der Machtlosigkeit und der Hoffnungslosigkeit das Gift war, das die Menschen am stärksten zerstörte. Es führte zuerst zur Resignation, dann zur fatalistischen Lethargie. Ihre endgültige Selbstvernichtung war nur eine Frage der Zeit.

Vertraue auf Deine geistige Kraft und damit auf Deine Stärke, und Du wirst siegen. Sein Meister hatte ihn gelehrt, diese mentale Einstellung durch die Kampfkunst des Kalari immer wieder zu üben. Ein Krieger wird sich nie unterwerfen und aufgeben, er hat nur das nächst mögliche Ziel im Auge.

Hologo war ein ausgebildeter Krieger. Deshalb ist er nach Ascona geschickt worden. Er war sich klar darüber, daß die Menschen aus Angst lieber Mitläufer werden, als sich zu wehren. Die Angst hatte viele Ursachen, die er beseitigen musste. Nur so konnte das zerstörerische Gift aus ihren Köpfen herausgesogen werden.

Langsam ging er die Treppe im Hotel hoch. Auf dem Gang brannte noch die schwache Lampe. Überrascht blickte er auf das Blut. Es hatte sich merkwürdig verfärbt. Aus der rötlichen Farbe war schwarz geworden. Auch die Blutlache schien kleiner geworden zu sein. Die Zimmertür war abgeschlossen. Hologo klopfte dreimal, dann zweimal. Er hörte jemand mit schlurfenden Schritten zur Tür kommen.

„Ich bin es Hologo.“

„Ja.“ Gilda öffnete mit einem apathischen Gesichtsausdruck. Sie hatte die halbvolle Weinflasche in der Hand und strich die Haare zitternd nach hinten. Anscheinend hatte sie sich noch nicht ganz erholt.

Hologo schob sie in das Zimmer zurück. Er überlegte, wie weit sie in dieser Verfassung belastbar war. Erst Peccia, dann die Ereignisse hier im Hotel. Aber er hatte keine Wahl.

„Können Sie den Pajero fahren? Ich meine, ob Sie ihn jetzt fahren können?“

„Ist dieses Ding, Mensch, Tier oder irgendetwas anderes noch im Gang?“ Gilda hatte so leise gesprochen, daß Hologo schon befürchtete, daß sie wieder ohnmächtig wurde.

Ohne auf ihren panikartigen Zustand Rücksicht zu nehmen, schüttelte er sie. Er zwang sie, ihm direkt in die Augen zu blicken.

„Hören Sie gut zu. Ich brauche Sie, und wir haben keine Zeit uns über dieses Mädchen zu unterhalten. Ich habe sie weggebracht. Sie werden sie nicht mehr sehen. Nochmals, trauen Sie sich zu, jetzt den Pajero zu fahren?“

„Ich glaube ja.“ Die Stimme von Gilda klang nicht gerade überzeugend, doch sie hatte einen festeren Ton bekommen. „Ich weiß, ich hätte nicht öffnen sollen?“ Ihre flehenden Augen wollten Hologo um Verzeihung bitten. „Sie hatten Recht. Es war unverantwortlich und gefährlich von mir.“ Gilda stellte die Weinflasche auf den Boden und richtete sich auf. „Es wird nicht wieder vorkommen. Sie sind der Experte und ich werde tun was Sie sagen. Gehen wir.“

Rattenblut Folge 13