Rattenblut - Folge 11
Sonntag Februar 18th 2007, 23:02
Abgelegt unter: Fantasy-Romane
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„Was haben Sie vor?“

„Ich möchte wissen, wohin die beiden Männer gegangen sind, und ob sie den Pajero gefunden haben.“

„Die Tasche, die unten noch steht, war da, Sie wissen schon?“ Gilda sah Hologo mit aufgerissenen Augen an.

„Ja es war eine Ratte in der Tasche.“

„Und der andere Mann hatte auch eine. War da etwa auch ……?“

„Vermutlich.“ Hologo zog seine Jacke wieder an und überprüfte den Sitz der Messer. Nach einem kurzen Blick auf seine Uhr öffnete er die Tür. „Es ist 11.30h, ich werde in ungefähr einer Stunde zurück sein. Denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe. Schließen Sie jetzt die Tür ab, und lassen Sie den Schlüssel stecken.

„Horatio, passen Sie auf sich auf.“ Mit zittriger Hand griff Gilda nach der geöffneten Weinflasche.

Hologo überprüfte nochmals den Gürtel mit den Wurfmessern. Dann wickelte er wieder den Lederriemen des großen Messers um das rechte Handgelenk. Gespannt beobachtete ihn Gilda.

„Ist das alles notwendig?“

„Ja.“ Hologo war klar, daß diese lakonische Antwort Gilda nicht unbedingte beruhigen würde. Aber er musste sich nun ganz auf die Situation einstellen. Wie gefährlich und wie unberechenbar sich diese Allianz von Mensch und Ratte entwickeln konnte, hatte er schon erlebt. Jeder Fehler oder jede Fehleinschätzung würde wahrscheinlich für ihn und Gilda den Tod bedeuten. Ohne daß er es selbst bemerkte, veränderten sich seine Bewegungen und seine Körperhaltung. Die meditative Konzentration ließ ihn fast abwesend erscheinen. Langsam, fast schleppend ging er zur Tür.

„Sie sehen auf einmal wie ein Raubtier aus, das auf der Jagd ist.“ Gilda hatte einen leicht panikartigen Unterton in ihrer Stimme. „Ich will gar nicht wissen, was jetzt vielleicht passiert. Nur, Horatio, lassen Sie mich nicht so lange allein.“

Hologo öffnete und betrat den Gang. Nachdem Gilda die Tür wieder abgeschlossen hatte, lief er schnell die Treppe hinunter. Niemand war zu sehen und zu hören. Auch das Lokal war schon geschlossen. Schnell ging er durch die Hintertür auf den kleinen Parkplatz, wo der Pajero stand. Regungslos, alle Muskeln angespannt, verharrte er in der Dunkelheit. Zwei Männer und zwei Ratten durchstreiften hier die Gegend. Hatten sie das Auto schon entdeckt? Und wenn ja, war es in Peccia an der Osteria gesehen worden? Wie hatte sein Meister ihm immer wieder eingeschärft? Konzentriere Dich nur auf das, was unmittelbar geschieht. Vergeude nicht Deine Gedanken an Dinge, die sich später ereignen können. Das lenkt Dich von dem Eigentlichen ab. Der Energiefluss wird unterbrochen, und Du bist in Deiner Kraft geschwächt. Ein Krieger darf vor einem Kampf nicht nachdenken. Sein Kopf muss absolut frei sein. Nur so kann er seine kriegerischen Fähigkeiten umsetzen. Wir, die Kalari-Kämpfer, verehren deshalb die Kobra. Sie ist unser Vorbild. Von ihr haben wir viel gelernt. Konzentration auf den Augenblick, die dadurch mögliche schnelle Reaktion, ein gezieltes Zustoßen, und den Angriff benützen wir als Verteidigung.

Hologo schüttelte alle Überlegungen und Gedanken ab. Das jahrelange meditative Training ermöglichte ihm, innerhalb von Sekunden eine geistige Leere zu erreichen. So kann die Energie ohne Blockaden fließen, und die Sinne werden bis zum Äußersten geschärft.

Plötzlich zerriss ein gellender Schrei die Stille. Dann war nur noch ein Röcheln und ein Zischen zu hören. Hologo rannte über den Platz auf die Straße. Kein Fenster und keine Tür öffneten sich. Anscheinend wollte niemand wissen, was sich abgespielt hatte. Er ging zu der Tasche, die noch an derselben Stelle lag. Ohne sich um zu sehen, griff er nach ihr. Sie war leer. Langsam, fast bedächtig schlenderte er mit der Tasche zum Parkplatz zurück. Obwohl er weder die Männer noch die Ratten sah, spürte er, daß sie da waren und ihn beobachteten. An der Hintertür des Albergo stellte er die Tasche ab und lief zum Pajero. Von dort konnte er die Einfahrt und den ganzen Platz überblicken. Die Wagenseite schützte ihn auch bei einem direkten Angriff von hinten. Er zog die Lederschlinge des großen Messers fest und schlug die Jacke auseinander. Leicht gebückt wartete er darauf, ob sie ihm folgen würden.

Hologo wusste nicht, wie viele Minuten vergangen waren, als er das Zischen an der Einfahrt hörte. Durch die innere Anspannung hatte er jedes Gefühl für Zeit verloren.

Zuerst sah er die Ratten. Ohne sich zu beeilen, schlichen sie auf den Parkplatz. Dahinter folgten die Männer. Als sie Hologo am Wagen stehen sahen, pfiff einer und die Ratten liefen auseinander. Ihre Augen glühten, und aus den spitzen Zähnen hingen noch einige Fleischfetzen hervor. Einer der Männer warf etwas zu Hologo hin und grinste höhnisch.

„Grüsse von Fabio.“

Die Augen von Hologo bekamen einen harten Glanz, als er sah, was auf dem Boden lag. Es war der durchtrennte, angebissene Kopf von Fabio.

„Wir mussten ihn nicht lange überreden. Er hat uns alles erzählt, was er wusste. Das war leider nicht sehr viel. Vielleicht würden Sie uns sagen, wer Sie sind, und was Sie hier machen. Sonst müssen wir die junge Frau befragen, die bei Ihnen ist.“ Ein hässliches Lächeln verzerrte jetzt sein Gesicht. „Sie wäre für meine Freunde etwas ganz Besonderes.“

Ansatzlos, aus dem Stand, sprang Hologo vor. Während des Sprungs schnellte das große Messer in seine Hand. Der Mann versuchte noch den Kopf einzuziehen, doch das Messer hatte ihm schon die Kehle durchgetrennt. Mit einem gurgelnden Geräusch sank er zu Boden. Hologo drehte sich blitzartig um und zog ein Wurmesser aus seinem Gürtel. Er traf die Ratte im Flug. Plumpsend fiel sie vor ihm auf die Erde. Ohne sie zu beachten, lief er zu dem Mann hin, der gerade die Hintertür des Hotels öffnete. Die zweite Ratte huschte hinein. Bevor der Mann ihr folgen konnte, traf ihn das zweite Wurfmesser im Rücken. Röchelnd blieb er vor der Tür liegen. Hologo blieb vor ihm stehen und hob die Hand mit dem großen Messer. Überrascht zögerte er, als auf einmal die Kirchenglocken anfingen zu läuten. Es war Mitternacht. Ein diabolisches Grinsen zuckte durch das Gesicht des Mannes. Mit einem gezielten Stich tötete Hologo ihn. Die Tür stand halb offen. Doch Hologo wartete. Warum hatte der Mann plötzlich so gegrinst. Was hatte das Mitternacht - Läuten zu bedeuten? Suchte die andere Ratte etwa das Zimmer von Gilda? Vorsichtig ging er hinein. Langsam stieg er die Treppe hinauf. Alle Muskeln waren angespannt, so daß er sofort reagieren konnte, wenn er angesprungen würde. Da kein Licht brannte, musste er sich voll auf seine Reflexe verlassen. Als er im oberen Stock angekommen war, hörte ein leises Kratzen. Es kam aus der Richtung, in der das Zimmer von Gilda lag. Dann klopfte es.

„Fräulein, ich soll Ihnen von der Signora etwas bringen.“

„Wer sind Sie?“

„Ich arbeite hier als Zimmermädchen.“

„Warten Sie.“

Als Hologo hörte, wie Gilda die Tür aufschloss, drückte er auf den Lichtschalter und stürmte den Gang entlang. Er blieb überrascht stehen, als die schwache Lampe aufleuchtete. Vor dem Zimmer stand ein junges Mädchen. Es lehnte seitlich am Türrahmen. Der schmale Kopf und der braune flaschenartige Körper ließen ihn erstarren. Ihre rötlichen kleinen Augen stierten ihn hasserfüllt an. Ein unheimlicher Verdacht drängte sich ihm auf. Er hatte diese funkelnden Augen schon gesehen. Der Gedanke, der ihn durchfuhr, war unheimlich und nicht rational nachvollziehbar. Es wäre nicht nur unglaublich, die daraus hervorgehende Bedrohung hätte eine ganz neue Dimension.

Mit einem riesigen Satz sprang das Mädchen auf ihn zu. Die Mundwinkel waren nach oben gezogen, und man konnte in dem aufgerissenen Mund die spitzen Zähne sehen. Hologo warf sich zur Seite und zog automatisch ein Wurfmesser heraus. Als das Mädchen ihn verfehlte und an die Wand schlug, sah er bei ihr etwas herausragen. Es war der lange, nackte, mit Schuppenringen durchzogene Schwanz einer Ratte. Blitzschnell drehte sich das Mädchen wieder um die eigene Achse und zischte. Dadurch verfehlte das Messer den Körper und durchbohrte ihr den Arm. Sie fing an zu kreischen und ihr Gesicht verzog sich zu einer lüsternen Fratze. Langsam kam sie auf Hologo zu. Die langen dünnen Finger waren wie eine Kralle geformt. Hologo hechtete sich an ihr vorbei. Sein großes Messer schlitzte ihr dabei den Hals auf. Ein gutturaler Schrei, der nichts Menschliches mehr an sich hatte, durchdrang den Gang. Sie wälzte sich in ihrem herausschießenden Blut. Die schrillen Töne wurden immer leiser. Dann richtete sie sich noch einmal auf, zischte Hologo an und fiel zuckend zurück.

„Oh, oh, oh mein Gott.“……

Hologo sah Gilda an der Tür stehen. Er konnte sie gerade noch rechtzeitig auffangen. Sie war ohnmächtig geworden. Vorsichtig trug er sie in das Zimmer und legte sie auf das Bett.

Was war da passiert? Hologo war sich klar drüber, daß er zuerst die ganzen Spuren beseitigen musste. Er ging rasch in den Gang zurück. Nachdenklich blickte er auf das tote Mädchen. Die Blutlache hatte eine eigenartige rote Farbe. War das Menschenblut, oder war das Rattenblut? War dies eine Menschenratte, oder war dies ein Rattenmensch?

Rattenblut Folge 12